Die Villa der Dame von Tal
#11

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
Mensch
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Es war eigenartig, wie klar Dia die Gefühlsregungen ihrer Gesprächspartnerin vorkamen. So, als ob der sanfte Wind, der mit ihren Strähnen spielte auch all die Kleinigkeiten in dem Gebaren ihres Gastes zeigen würde. Sie bemerkte, wie Elise für einen kurzen Moment lächelte, als sie scherzend über eine mögliche Tätigkeit unter ihrem Dache lachten. Sie bemerkte auch, wie Elise die Stirn verzog und den Kopf hängen ließ, als die Sprache auf ihren Vorschlag fiel, eine Nachricht von ihrem Lehrmeister zu finden – genauso wie die anfängliche Freude über Leons Vermächtnis und schließlich die zögerliche Zurückhaltung, die in großem Unverständnis endete.
Dabei konnte die Adelige sehr wohl wahrnehmen, wie sie einem aufmerksamen Zuhörer gegenüber saß, der nicht versuchte seine eigenen Worte in protziger Art vorzutragen, sondern ruhig und besonnen ein gemeinsames Gespräch führte, das die beiden Frauen trotz ihrer großen standesgemäßen Unterschiedlichkeit eher vereinte. Es war für die junge Dame eine eher ungewöhnliche Erfahrung, so schnell jemanden Zutritt zu ihren Sorgen und Ängsten zu gewähren und gleichzeitig konnte sie nicht behaupten, dass sie es bereute.

Wobei sich ihre Gedanken lügen straften, als Elise das Wort erhob und verkündete, sie wisse, wie es Dia zu Mute wäre. Glaubte die Adelige zwar an die Warmherzigkeit der Bauerntochter, sie konnte nicht glauben, dass diese wirklich verstehen konnte, wie die Dinge lagen. Nicht ohne die Herkunft ihres Gegenübers offenbart zu bekommen, die all die Probleme und Schwierigkeiten eindeutig ins Licht bringen würde. Andererseits war dies ein Ding der Unmöglichkeit und so beschloss Dia einfach die Worte so aufzunehmen, wie sie gemeint waren: weise und wohlwollend.
Doch was ihr dann offenbart wurde, hatte wenig mit jenen Sätzen zu tun, die sie aus Elises Mund erwartet hätte.
Stattdessen lauschte sie gespannt und mitfühlend den einfachen Sätzen aus ihrer Lebensgeschichte, die doch so viel mehr Gehalt als die bloßen Wörter hatten, die gesprochen wurden.
Dia konnte hören - noch bevor Elise es besonders deutlich machte -, wie schwer ihr das Schicksal an der Seite ihres Mannes vorgekommen war. Gekettet an einen – so schien es- jähzornigen Mann zu sein, war kein Erlebnis, dass sie irgendeiner Frau wünschte. Ganz besonders nicht der Dame vor ihr. Kurz erinnerte sie sich daran, wie kaltherzig und grausam ihr eigener Vater gegenüber seiner Frau werden konnte, wie sie gar vermuteten, dass er ihren Tod herbeigeführt hatte, dann verdrängte sie jegliche Gedanken in diese Richtung wieder und konzentrierte sich lieber auf die Frau vor ihr.
Sie lächelte, als Elise von den Erntehelfern und der Arbeit sprach. Eine solche Tätigkeit konnte sich die feine Dame kaum vorstellen, obwohl sie monatelang ihr Brot durch stilles Betteln bekommen hatte. Dennoch lag ihr die ländliche Welt so fern wie eh und je. Wahrscheinlich war nicht viel dran, an der verklärten, romantischen Sicht der Hochwohlgeborenen und doch fragte sich Dia in diesem Moment, ob nicht ein einfaches Leben ein schönes Leben sein könnte. Elise jedenfalls hatte sowohl Schicksalsschläge wie auch die guten Zeiten erleben dürfen.
Diese philosophischen Gedanken erstarben fast, als Elise -beiläufig – ihren Fürsten benannte und von dem Stolz über so ein einfaches Privileg sprach. Wie schnell verschenkte ihr Bruder auch einfache Rechte, um die Landbevölkerung in diesen schweren Zeiten bei Laune zu halten und ihnen das Joch ein wenig zu erleichtern.
Doch diese Ehrfurcht, die aus der Bauerntochter sprach, ließ Dia wissen, dass diese unter keinerlei Umständen, niemals, nie, nie, nie von ihrer Geburt wissen dürfte, denn in dem Moment der Aufklärung wäre jede Vertrautheit verschwunden und verebbt.

Für Elise mochten ihre Worte Binsenwahrheiten sein, für Dia eröffneten sie ganz neue Welten. Die Vorstellung, dass egal, welche Entscheidungen sie in ihrem Leben traf, irgendjemand diese nicht gutheißen würde, war eine völlig neue. Aufgezogen in einer Welt, die so sehr nach dem Ideal strebte, die so sehr behauptete, würde das Ideal erreicht gäbe es keinerlei Konflikte in dem eigenen Stand, hätte sie ihre gottgegebene Bestimmungen erfüllt. Dia war bemüht darum, so zu leben, das sie niemandem und nichts eine Last war, niemals ein Dorn in dem Auge jemand anders sein und ihre Hilfsbereitschaft emsig teilend. Es musste doch Wege geben, die alle glücklich und zufrieden machen konnten!
Doch Dia war dem eigentlichen Gedanken nicht abgeneigt. Ihre Stirn lag in Falten, als müsste sie stark nachdenken, ihre Finger artig im Schoß verschränkt. Ja, sie sollte darüber nachdenken. Sie sollte die Situation abwägen. Doch dann – ihre Brüder zu verraten, kam unter keinen Umständen in Frage!

Noch während Dia ihre Gedanken vor sich ausbreitete, hatte Elise die Entschlossenheit verlassen und der Moment der klaren Worte schien wie eine Wolke vorüber gezogen zu sein. Die Gastgeberin lächelte wohlwollend und hob eine Hand, als wollte sie die Verteidigung und die Erklärungen unterbinden: „Ich bin Euch sehr dankbar und Euren Rat höre ich gern“, sagte sie und erlaubte sich ein kleines Lächeln: „Und nutzlos ist er gewiss nicht, denn Ihr bringt mir Gedanken, die ich wohl nicht alleine gefasst hätte“
Sie dachte daran, wie sie nur auf Grund dieser Frau zur Amtsstube gegangen war und nickte noch bekräftigend.

„Gerne würde ich Euch meine Stücke zeigen“, sagte Dia und lächelte ein wenig verlegen: „Auch wenn sie nicht so kunstfertig anmuten wie die Stücke meines Meisters. Doch abgesehen von ein wenig Geschirr sind noch alle Gegenstände in der Werkstatt – Ihr dürft gerne, falls es Eure Pflichten erlauben, einmal vorbei sehen.“
Dia lächelte blass und zeigte auf die vom Vandalismus betroffenen Scheiben ihrer Villa: „Ich habe auch noch viel vor mir.“
Sie stoppte in ihren Bewegungen, als sie nun Melissa gewahr wurde, die mit einem großen Silbertablett zu den beiden Damen in den Garten kam. Ruhig stellte die Zofe zwei Karaffen, eine gefüllt mit Kirschsaft, die andere mit reinem Wasser, ab und daneben einen Teller mit gestapelten Kirschpfannkuchen.
Es duftete herrlich. Zwei Teller und zwei Gläser wurden verteilt, Messer und Gabel für die Süßspeise und ein Pickser für die Kost selbst.
Kekse vom Vortag lagen in einer bemalten Schüssel und zeugten von dem sonderbaren Reichtum der jungen Herrin. Das Teeservice gehörte zu den eher teureren Beständen der Dame, denn respektabel musste sie schon sein, wenn sie Gäste ihres Standes empfing.
Jetzt weitete sich Dias Lächeln, das selbst dann nicht erlosch, als sie Melissas steifer Miene begegnete: „Habt Ihr sonst noch einen Wunsch?“, fragte diese und bemühte sich sichtlich, nicht unterkühlt zu wirken. Vergeblich.
„Nein, danke, Melissa“ Dia schenkte ihr ein Lächeln, aber die Frau drehte sich nach einem halbherzigen Knicks ab und rauschte zurück zu dem Haus.

„Eigentlich habe ich noch keinen Koch“, gestand Dia, als sie mit freundlicher Geste ihren Gast zu einem Mahl einlud, dass für sie nichts spektakuläres war: „Und Melissa hat bei ihrer Bewerbung eindeutig und mehrfach gesagt, dass sie viele Aufgaben übernehmen würde, aber sich niemals vor den Herd stellen würde.“ Dias Lächeln wurde schelmisch: „Aber inzwischen steht sie da ziemlich gerne und nascht, wenn ich das richtig beurteilen kann.“
Dieser Ort, dieses Gespräch, das dampfende Essen, die wohltuenden Getränke – Dia vergaß völlig, dass das ihren Gast überfordern konnte, sondern hatte jenes glückselige Lächeln auf den Lippen, als wäre dies ein perfekter Moment, den sie nicht schmähen wollte.
Das Besteck lag perfekt in ihrer feingliedrigen Hand, während sie sich den ersten Pfannkuchen nahm und sich Wasser in das richtige Glas einschenkte.
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#12

Elise Heimbruch

Bäuerin
Mensch
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Dia versank ob Elises Geschichte in ein tiefes Schweigen und die Bäuerin befielen böse Vorahnungen. Hatte sie mit ihren Worten nun jenen letzten verhängnisvollen Schritt getan und die Grenzen des Anstands auf unverzeihliche Weise weit hinter sich gelassen? Im Grunde diente ihre kleine Erzählung lediglich dem Zweck, die junge Glaserin in ihrer eigenen Entscheidung ein wenig zu ermuntern. Doch die Stille dauerte an und Elise gewann sehr bald die bedrückende Erkenntnis, in ihrem Gebaren vermutlich eher einer altklugen Landhenne, denn einem wohlmeinenden Gast gleichgekommen zu sein. Noch dazu bestand die Gefahr, Dia könne ihre Auslassungen als Anstachelung zum Ungehorsam gegenüber ihrer Familie missverstehen. Elises Hände griffen krampfhaft in den ausgeblichenen Stoff ihres Rocks. Woher nur nahm sie all diese aufsässigen Flausen? Gerade eine Frau ihres Standes, die in dem Bewusstsein aufwuchs, unbedingten Gehorsam schuldig zu sein, musste es eigentlich besser wissen. Indes, es half nichts. So blieb einzig die Hoffnung, Dia würde ihre Entschuldigung annehmen und den neuerlichen Fehltritt verzeihen.

Erstaunlicherweise bewies die Bürgerstochter ein außerordentliches Geschick, Elises Schuldgefühle mit nur einem Wink ihrer Hand zu zerstreuen. Ganz gleich worüber die feine Dame letztlich nachdachte, nichts hiervon stimmte sie verärgert oder missgünstig. Anscheinend fand sie gar Gefallen an den Überlegungen der Bauersfrau, ohne dabei irgendeine Form des Anstoßes hinsichtlich ihrer Brüder zu nehmen. Elise hegte selbst trotz der vielen vergangenen Jahre noch immer eine innige Zuneigung gegenüber ihren Geschwistern und atmete dementsprechend erleichtert auf. Überhaupt bot die kaum zu erschütternde Sanftmut in den Zügen der Gesellin selbst in einem unüberschaubaren Gewirr von Stolperstricken, die jenes Gespräch durchzogen, stets einen rettenden Halt, selbst wenn ein unbedachtes Wort schneller über die Lippen kam, als besonnene Gedanken ihm zu folgen vermochten.

Elises Wunsch, in baldiger Zukunft die Machwerke Dias in Augenschein nehmen zu dürfen, erfüllte die Glaserin ebenso bereitwillig und verhalf der Bäuerin hiermit endlich wieder zu einem milden Lächeln. In deren Vorstellung wiederum nahmen mannigfaltige gläserne Kleinode Gestalt an, allesamt verborgen hinter der hölzernen Tür des Ladens, den die Gesellin nunmehr ihr Eigen nannte. Von den vielen unentdeckten Wundern, die Aron noch für seine neue Einwohnerin bereithielt, versprach dieses das weitaus schönste Abenteuer, und Elise ersehnte schon jetzt den Tag, der es ihr ermöglichte, diese besondere Einladung anzunehmen.

Einzig der eher beiläufige Fingerzeig der Glaserin bezüglich einiger zerbrochener Fenster an ihrem Heim, die einer baldigen Reparatur bedurften, sorgte bei der Bäuerin kurzzeitig für Verunsicherung. Dia sprach zwar sehr gelassen über die bald anstehenden Arbeiten, trotzdem nährten die eingeschlagenen Scheiben Elises Argwohn. Nur zu gerne hätte sie geglaubt, diese seien die Folgen eines schlimmen Unwetters. In Wahrheit wusste sie es weit besser. Es machte einen Unterschied, ob der Sturm einige Ziegel vom Dach fegte, oder böswillige Menschen aus zweifelhafter Freude zu Steinen griffen. Für einen Wimpernschlag fröstelte es die Gemeine, welche einst ihr Zuhause an noch deutlich üblere Marodeure verlor.

Glücklicherweise blieb den schlimmen Erinnerungen nicht genug Zeit, um sie vollends zu vereinnahmen. Ein zarter Windstoß trug verführerische Düfte zu den beiden Frauen herüber und noch ehe Elise sich verwundert umsehen konnte, trat bereits jene rundliche Dienerin namens Melissa an den Tisch, um dort ein kleines Tablett abzustellen, das hell im Sonnenschein aufblitzte. Unter gewöhnlichen Umständen hätte bereits jene zweifellos aus reinem Silber gefertigte Servierplatte genügt, um die Bauersfrau in stummes Staunen zu versetzen. Das feine Porzellan mit den kunstvoll aufgemalten Motiven und nicht zuletzt die erlesenen Speisen darauf ließen sie dann auch vollkommen ungläubig zurück. Im Grunde gehörte derart filigranes Geschirr nach Elises Dafürhalten, wenn überhaupt, auf die abendliche Tafel eines Freiherrn oder Grafen. Ähnliches galt für die zahlreichen Köstlichkeiten, welche immer ungenierter die Nase der Gemeinen umschmeichelten, und deren bloßer Anblick die Begehrlichkeiten selbst feinerer Gesellschaft geweckt hätte. Neben dem versprochenen Kirschsaft, dessen kräftiges Rot Elise geradezu gebot, einen Schluck zu probieren, entdeckte sie auf einem Teller mehrere dünne Teigrollen, offenbar gleichsam mit der schmackhaften Frucht gefüllt. Schweigend bewunderte die Bäuerin den gewitzten Einfall, der jenem Rezept zugrunde lag.

Vollkommen gebannt von der dargebotenen Pracht sah Elise der Dienstbotin beim Servieren des edlen Mahls zu. Selbst den unvermindert verdrießlichen Ausdruck und die säuerliche Stimme der Haushälterin nahm sie bestenfalls am Rande wahr. Stattdessen beäugte die Gemeine hilflos das aufgetragene Festessen und versuchte mühsam, Herrin ihrer betörten Sinne zu bleiben. Ungeachtet der strengen Erziehung, die Elise einst genoss, wollte sie am liebsten jetzt gleich nach einem der kleinen Küchlein greifen, um davon zu kosten. Dias Anwesenheit verbot derartiges Verhalten natürlich, eine Tatsache, die ihr Messer und Gabel auf eindringliche Weise erinnerlich machten. Hierin lag für die Bäuerin nun die eigentliche Tücke. Ihren Lebtag hatte sie, von hölzernen Löffeln abgesehen, die üblicherweise bei der Suppe Verwendung fanden, nie irgendeine Art von Besteck benutzt. Unter der Landbevölkerung war derlei nicht üblich und die wenigen Handgriffe, welche sie während ihrer Tätigkeit als Dienstmagd aus der Ferne beobachten durfte, ersetzten in ihrer Lage mutmaßlich kaum eine entsprechende Übung, wie sie Kinder bessergestellter Familien bekanntermaßen absolvieren mussten.

Ganz im Sinne dieser Befürchtungen ermunterte Dia Elise freimütig, sich zu bedienen, ehe sie ihrerseits nach dem kleinen Spieß im obersten Stück fasste, es mit schlafwandlerischer Sicherheit auf ihren Teller legte und kurz darauf ohne Tadel mit vollendeter Fingerfertigkeit entzweischnitt. Einen Wimpernschlag lang wurde der Gemeinen heiß und kalt zugleich. Mit halber Aufmerksamkeit folgte sie den heiteren Ausführungen der Gesellin bezüglich ihrer Bediensteten, die ihre Leibesfülle anscheinend unter anderem der Tätigkeit in der Küche verdankte, ein Umstand, über den die Bauersfrau normalerweise bestimmt herzlich gelacht hätte. Stattdessen kam lediglich ein flüchtiges Schmunzeln über Elises Lippen, das kaum ihre Nervosität überspielte. Tatsächlich galt ihre Aufmerksamkeit vor allem den vielen Tassen, Gläsern und natürlich dem funkelnden Tafelsilber, welches sie kaum anzurühren wagte. Angestrengt überlegte Elise, was sie tun sollte. Dia wirkte so unbeschwert und glücklich. Auf keinen Fall wollte sie ihre großzügige Gastgeberin mit ungehobelten Manieren beschämen. Dieses liebevoll zubereitete Essen zu verschmähen, stellte nach dem Verständnis der Bäuerin gleichwohl eine noch schlimmere Verfehlung dar. Mit dieser wenig erquicklichen Alternative konfrontiert, beschloss Elise kurzerhand, den sprichwörtlichen Sprung ins kalte Wasser zu wagen.

In einem spontanen Anflug von Enthusiasmus, lediglich gebremst durch leicht zitternde Finger, ergriff sie jene kleine Gabel und versuchte, den gerollten Kuchen möglichst unbeschadet an ihren Platz zu bugsieren. Wenig überraschend geriet ihr dieser Überschwang auf halbem Wege zum Verhängnis und nur die hastig ausgestreckte linke Hand der Bäuerin verhinderte das Entgleiten des heißen Gaumenschmauses, der unvermittelt schmerzvolle Bekanntschaft mit Elises Fingerkuppen machte. Diese widerstand dem Bedürfnis, einen leisen Fluch auszustoßen, wie sie es am heimischen Herd zuweilen tat, biss auf ihre Zunge und beförderte die Mahlzeit mit knapper Not auf den Teller. Ihre Wangen erröteten merklich und das Herz in ihrer Brust pochte aufgeregt, dennoch wagte es die Gemeine nicht, auch nur kurz aufzuschauen. In der Gewissheit, es werde höchstwahrscheinlich nicht noch schlimmer kommen, nahm sie, einem Ritter mit Schild und Lanze nicht unähnlich, Messer nebst Gabel in beide Fäuste. Derart gerüstet für das kommende Gefecht fiel sie mit dem Silberbesteck über das arme Küchlein her und zerlegte es mit einigen grobschlächtigen Bewegungen unerbittlich in seine Einzelteile.

Nachdem ihre Bemühungen, den Teig in mundgerechte Stücke zu teilen, einen eher zweifelhaften Erfolg zeitigten, dessen Spuren sich in einer nicht unerheblichen Menge hervorquellenden Kirschsafts manifestierten, zog Elise eine Sekunde lang in Betracht, laut weinend davonzulaufen. Mit unerschütterlicher Tapferkeit gegen diese unselige Gefühlsregung ankämpfend, erhob die Bäuerin stattdessen ihre Gabel zum siegreichen Stoß gegen den Lindwurm, steckte ein halbwegs heilgebliebenes Eckchen der malträtierten Delikatesse darauf und aß es ohne ein Blinzeln auf.

Jedwede Hektik verlor ganz unvermittelt an Bedeutung, selbst die Peinlichkeit des Augenblicks rückte vollauf in den Hintergrund. Elise schloss für einen Moment ihr gesundes Auge und schwelgte in dem Genuss der sinnlichen Leckerei. Selbst der süßeste Strudel erblasste neben diesem erlesenen Frühlingstraum vor Neid. Ohne es zu bemerken, entfuhr ihr nach diesem ersten Bissen ein leiser Seufzer.

„Wundervoll, Fräulein Dia“, hauchte Elise in die warme Sommerluft. „Ich möcht glauben, niemals etwas Köstlicheres probiert zu haben.“

Die Bauersfrau öffnete ihr Lid und sah mit begeisterter Miene zu der Bürgerstochter.

„Von solch einer herrlichen Speise wusst ich gar nichts. Habt tausend Dank hierfür.“

Demütig neigte sie ihr Haupt und strahlte schließlich aus vollem Herzen.

„Nur zu gern würd ich wissen, wie sie zubereitet wird. Verratet Ihr mir das Geheimnis?“

Kaum da Elise den Satz beendete, beschlich sie eine eigenartige Beklemmung. Erst nach und nach holte sie ihr vorangegangenes Benehmen ein. Ganz plötzlich wich die Farbe aus dem Gesicht der Bauersfrau, welche auf die Schnelle keine entschuldigenden Worte fand. Aus der Ferne aber ertönte das heitere Gezwitscher einiger Vögel, die jenes belustigende Schauspiel anscheinend köstlich amüsierte.
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#13

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
Mensch
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Dias sorglose Unbekümmertheit zeigte sich in ihrem vollendeten Genuss der ersten Bissen der köstlichen Speise. Schmackhaft zerging die Wärme mit dem fruchtig-süßen Beigeschmack auf ihrer Zunge und so hob sie ihren freundlichen Blick, um sich auch Elises Freude zu vergewissern.
Doch diese bemerkte die Adelige überhaupt nicht. Alle Gedankengänge der Bäuerin waren ausschließlich auf die Hürde vor ihr konzentriert. Dia erkannte, noch in dem Moment, als sich eine zittrige Hand zu der Speise erhob, das Problem ihres Gastes.
Manieren, so hatte sie hier und dort gelernt, waren ein Privileg der oberen Schichten. Ein Bauer scherte sich nicht um den Dreck an seinen Händen, wenn er ein Hähnchenschenkel mit der Faust umschlang und wild mit den Zähnen das Fleisch herunterriss – und eine Bettlerin hatte keine andere Wahl, als Brot und Speise mit den Fingern aufzulesen und schnell in den Mund zu stopfen.
Elise eine Köstlichkeit vorzusetzen, die sie nie anständig erreichen konnte, war eine bodenlose Gemeinheit gewesen und Dia wünschte sich, irgendeine glückliche Idee vorbringen zu können, mit dem dieses Problem bereinigt werden könnte.
Sie dachte daran, der Bauernstochter zu versichern, dass sie gerne mit den Fingern zugreifen könnte, als diese sich das anscheinend auch überlegte und nachhalf – und sich die Finger verbrannte.

Noch immer wurde Dia ignoriert, während das Schauspiel seinen grotesken Lauf nahm. Zerstückelt wurde die Speise und doch konnte die Adelstochter nicht sagen, dass es sie abstieß. Leon hatte auch meist auf einen gewissen Grad an Anstatt geachtet – auch wenn sein Lehrling nicht für ihn putzen durfte – und doch war sie es nicht, die richtend und abschätzig Elise begutachtete. Nein, jene schien sich selbst genug zu verurteilen und die Adelige hegte einzig den Wunsch, sie vor ihrer eigenen Scharm zu schützen, so sinnlos dieser Gedanke, dieser Wunsch auch war.
Schließlich, nach einem endlosen Kampf, gelangte der erste Bissen auch an Elises Lippen und Dia wurde Zeuge einer wundersamen Verwandlung. Das Gesicht wurde heiterer, verzückter, genießerisch.
Die Augen des Gastgebers leuchteten. Es hatte sich also gelohnt.

Ganz verwandelt war ihr Gast und Dia nahm dementsprechend ruhig, als wäre der kostbare Teller ihres Gastes kein Schlachtfeld gewesen, wieder mit der Gabel einen weiteren Teil ihres eigenen Pfannkuchens und aß genüsslich weiter, als wäre der ganze Trubel keineswegs passiert: „Ich fürchte, ich kann Euch das Geheimnis nicht verraten, so gern ich auch wollte“, lächelte sie und bemühte sich um eine ruhige und freundliche Stimme, obwohl nun ihrerseits die Scharm ein wenig nach ihr griff.
Sie sah sehr wohl, wie sehr sich Elise nun grämte, als würde sie sich urplötzlich an ihr peinliches Benehmen erinnern. Dia wollte die Kluft keineswegs vergrößern und so sprach sie weiter, ein wenig schneller und ungelenker, als sie es beabsichtigte.
„Ihr müsst wissen“, fuhr sie fort. „Dass ich keinerlei Kenntnisse von der Küche und dem Umgang mit ihr habe. Ich schätze, ich könnte nicht einmal eine gare Kartoffel von einer rohen unterscheiden“, witzelte sie, hielt aber ihren Kopf gesenkt.
Es war ihr wiederum peinlich gewesen, dass ihr Lehrmeister fast immer gekocht hatte und sie selbst nur fähig gewesen war, das Frühstück und Abendbrot herzurichten. Haferbrei war die einzig warme Mahlzeit, die sie kreieren konnte, selbst die Suppen hatten dem Elfen nicht geschmeckt und so hatte sie doch tatsächlich dem Mann die Küche überlassen.
Auch jetzt kam sie sich dabei wieder ein wenig unbrauchbar vor. Natürlich, es gab so viele Dinge, die sie beherrschte – und doch drückte sie sich vor ihren fürstlichen Pflichten und konnte selbst ihren universell weiblichen nicht nachgehen. Übrig blieb tatsächlich nur ihre Handwerkskunst und bei der wusste sie nicht einmal, ob sie deren Ausführung mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte.

Dann hob sie wieder ihren Blick und verdrängte jene zweiflerischen Gedanken, während eine grazile Bewegung die Fliegen von ihrem Kirschsaft vertrieb. Ihre Augen glitten über den verwilderten Garten und die Früchte der ersten Versuche, eben jenen zu zähmen, als ihr zottelige Begleiter wohl von seinem Mittagsschlaf erwacht war und in freudigen Schritten durch den Garten tollte und schließlich erst Dia überschwänglich und schließlich auch Elise freudig begrüßte.
Weil sie aß, hatte Dia ihn keineswegs gestreichelt, sondern ihn mit ein paar freundlichen Befehlen dazu gebracht, seine alten Beine auszuruhen und sich hinzulegen.
„Verzeiht“, sagte sie dann noch immer versonnen lächelnd: „ich habe Merix Erziehung nicht besonders gut vollendet. Und doch ist seine Anwesenheit immer eine Wohltat“, fügte sie noch hinzu und lächelte ein wenig in schlimmeren Gedanken versunken.
Dann riss sie sich wieder aus ihren Gedanken heraus. Sie wollte Elise gerade anbieten, doch nach dem Mahl einen gemeinsamen Spaziergang zu beginnen, als ihr die Unmöglichkeit dieses Vorhabens bewusst wurde. Irgendjemand würde Dia erkennen und das Gerede, warum sie mit einer Gemeinen das vertraute Gespräch suchte, wollte sie weder sich noch ihrer nun ja, - wenn sie es wagen konnte, Elise so zu nennen – neuen Freundin antun.
„In Lorena habe ich ihn gefunden“, sagte sie tief in ihre Gedanken versunken, dass ihr gar nicht bewusst wurde, wie sie eigentlich jede Erzählung aus ihrer eigenen Vergangenheit auf Grund ihrer vielzähligen Stolperstricke mied: „er hat mich gut beschützt und mein Leben wurde wieder erträglicher“, fügte sie mit einem so düsteren Gesicht hinzu, dass kein Zweifel mehr über abgrundtief traurige Erfahrungen mehr bestehen konnte. Dann gesellte sich ein feines Lächeln auf ihre Lippen: „Er war noch ein kleiner Welpe, der ebenfalls kaum genug Futter für sich erbeuten konnte – und ich hatte ein wenig über und...“
Sie erstarb inmitten ihrer Bewegung. Ihre Augen wurden groß, als sie Elises Gesicht gewahr wurde. Ihre Finger zitterten und so faltete sie diese Artig in dem Schoß, ihr Kopf wollte sich senken, aber sie musste die Reaktion der Bauerntochter mitbekommen.
Sie hatte zuviel gesagt. So sehr hatte sie sich darauf konzentriert, nichts von ihrer Abstammung preiszugeben, dass sie ausgerechnet in dem schlimmsten Abgrund ihrer Lebensgeschichte fischen musste.
Dia schluckte noch einmal und versuchte zwanghaft das Gesagte abzumildern: „Vielen Kindern kommen die Ereignisse eben ein wenig dramatischer vor, als sie tatsächlich sind“, sagte sie.
Das hatte sie irgendwann einmal zu ihren Brüdern gesagt, nachdem diese nicht einmal die geteilten Bruchstücke der schrecklichen Erlebnisse Dias nachempfinden konnten. Und doch war sich die Adelige im Klaren, dass viele ihrer Kapitel düsterer waren, als ihre Worte das jemals ausdrücken könnten.
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#14

Elise Heimbruch

Bäuerin
Mensch
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Wenn Dia über die recht eigenwilligen Tischmanieren ihres Gastes Bestürzung oder gar Abscheu empfand, ließ sie sich, soweit Elise es zu erkennen vermochte, zumindest nichts anmerken. Die engelsgleiche Geduld des Glasermädchens hielt offenbar selbst den unbeholfensten Missgeschicken stand, welche der Bäuerin an diesem Tage unterliefen, ein Umstand, über den die Gemeine nicht dankbarer sein konnte. Nur zu gern folgte sie Dias Offerte, den reißenden Strom aus Peinlichkeiten auf dem von ihr mit bedachten Worten gezimmerten Steg zu überwinden. Gleichwohl blieb Elise ein gewisses Maß an Verunsicherung aufseiten der Bürgerlichen nicht verborgen, das selbst ihr herzliches Lachen nicht gänzlich überspielte. Voll des schlechten Gewissens über ihr unmögliches Benehmen lugte sie mit roten Wangen unter dem Schirm ihrer weißen Haube hervor, während sie den Erzählungen der Gesellin lauschte, gelobte jedoch im Stillen, diese kein weiteres Mal aus Unbedacht vor den Kopf zu stoßen.

Die Zurückweisung ihres Lobs für die Zubereitung der überaus köstlichen Kirschtaschen überraschte Elise. Dias bescheidene Behauptung, im Grunde überhaupt kein Händchen für die Küche zu besitzen, klang in den Ohren der Gemeinen vollkommen verblüffend, zu selbstverständlich schien ihr die Annahme, niemand anderes als die sanftmütige Gesellin könne für die erlesene, wenn auch mittlerweile nicht mehr ganz so schön anzusehende Köstlichkeit auf ihrem Teller verantwortlich sein. Verwundert sann Elise kurz über dieses unerwartete Zugeständnis nach. Wer mit seinen eigenen Händen filigrane Kunstwerke aus heißem Glas formte, hieran hegte sie keinen Zweifel, zeigte sicherlich nicht weniger Geschick an Ofen und Herd. Elise besaß nach eigenem Dafürhalten zwar nicht unbedingt die Berechtigung, den Titel einer meisterlichen Bäckerin zu beanspruchen, dennoch überlegte sie, ob Dia nicht womöglich Gefallen daran fände, gemeinsam mit ihr einige einfache Gerichte zuzubereiten.

Von neuem ergriff die Bäuerin ein ungeahnter Tatendrang. Selbst wenn erfahrungsgemäß nicht alles auf Anhieb gelang, bereitete es bestimmt ein himmlisches Vergnügen, zusammen einige Brotlaibe zu formen, und womöglich stellte dies eine wundervolle Gelegenheit dar, der Gesellin für ihre Einladung zu danken. Elise verwarf den Einfall allerdings recht schnell. Die Aussicht, gemeinsam mit einer Angehörigen niederen Standes Teig zu kneten, gehörte mutmaßlich nicht unbedingt zu den Dingen, die eine vornehme Dame für angemessen erachtete. Sehr schnell offenbarte der Einfall seine ganze Dummheit. Bei aller gefühlten Vertrautheit in Dias Gegenwart durfte Elise nicht vergessen, woher sie kam. Betrübt über diese offenbaren Grenzen, auferlegt durch ihre geringe Geburt, widmete die Bäuerin ihre Aufmerksamkeit dem gemarterten Küchlein, stets darauf bedacht, nur in Abwesenheit des Augenmerks ihrer Gastgeberin einen schnellen Bissen zu riskieren. Zumindest bot der wundervolle Kirschgeschmack ein wenig Trost und brachte sie schnell auf andere Gedanken.

Die von freudigem Bellen begleitete Ankunft eines alten Bekannten beendete Elises aufkeimende Schwermut abrupt. Verdutzt spähte die Bauersfrau über die Tischkante und entdeckte den struppigen Neuzugang, der seiner Besitzerin und ihr schwanzwedelnd seine ungestüme, aber nicht weniger liebenswerte Aufwartung machte. Ein amüsiertes Kichern entfuhr ihrer Kehle. Für sein zweifellos bereits deutlich fortgeschrittenes Alter verfügte der gute Merix noch über einen erstaunlichen Enthusiasmus und strotzte nur vor Kraft, eine Tatsache, die ihn für Elise unter seinesgleichen bemerkenswert machte. Die meisten betagteren Hunde besaßen in ihrer Erinnerung ein weitaus gemäßigteres Temperament. Der zerzause Riese bot in seiner Ausgelassenheit einen wahrhaft heiteren Anblick und die Bäuerin hatte den eigensinnigen Strolch längst ins Herz geschlossen.

Es bedurfte zunächst einer sanften Beschwichtigung Dias, um den Eifer ihres treuen Freundes etwas zu bremsen. Die entschuldigenden Worte der Gesellin in Bezug auf Merix‘ Betragen zerstreute Elise indes gern mit einer verschmitzten Miene. Vielleicht bewies ihr vierbeiniger Begleiter nicht dieselbe Folgsamkeit wie sein kürzlich gewonnener Freund Gius und beherrschte anders als dieser wohl auch keine kleinen Kunststücke, die einen Zuschauer in Verzückung versetzten. Dafür ließ seine bloße Anwesenheit die ohnehin schon strahlende Sonne noch ein wenig heller scheinen. Elise pflichtete Dia vollkommen bei. Der Frohsinn und Lebensmut ihres Kameraden sorgte allerorten für Glück und Unbeschwertheit.

Eigenartigerweise verging dieser kurze Lichtschweif schon bald auf den sanftmütigen Zügen seiner Herrin. Die Bäuerin beobachtete den Wandel in der Stimmung der vornehmen Dame und ein unsichtbarer Strick schnürte ihr die Kehle zu. Ihrer alten Gewohnheit folgend fürchtete sie zunächst, durch ein neuerliches Fehlverhalten den Unmut der Bürgerstochter erregt zu haben, ehe sie Dias zaghafte und zugleich unendlich traurige Stimme vernahm. Gleich einer frommen Gläubigen während der Predigt im Tempel saß sie reglos auf ihrem Platz, lauschte den Erzählungen, die ihr das Glasermädchen voller Offenheit anvertraute. Die Gesellin sprach von ihrem ersten Zusammentreffen mit Merix in einer Stadt namens Lorena, von der Hoffnung, die ihr ein kleiner entkräfteter Welpe gab. Noch weit bedeutender war indes, was sie nicht auszusprechen wagte. Ereignisse, die das Lächeln der Gesellin nicht vergessen machte. Schicksalsschläge, die hinter der Fassade ihrer leisen Sätze verborgen lagen. Elise ahnte, welches Leid dort schlummerte. Sie selbst verlieh den unaussprechlichen Grausamkeiten ihrer Vergangenheit seit Jahren auf dieselbe Weise Ausdruck, wenn diese über sie kamen. Die Bäuerin dachte an das nächtliche Gespräch auf den Straßen des südlichen Viertels. Erst jetzt fing sie an, zu begreifen.

Ein junges Mädchen, gezwungen ihr Elternhaus zu verlassen, um Gewalt und Willkür zu entfliehen, fand sich vollkommen allein in der Welt wieder, ohne eine kümmernde Seele zu seiner Fürsorge oder einer starken Hand, die es beschützte. Elise verstand aus eigener Erfahrung, mit welch hässlicher Fratze die Fügung den Einsamen und Wehrlosen begegnete. Jenseits der Tore eines Heims gab es Orte, beherrscht von Boshaftigkeit und Niedertracht, lauerten Menschen, die weder Wert auf Mitgefühl noch Anstand legten. Der Bäuerin dämmerte, welche Gräuel ihrer Gastgeberin widerfahren sein mochten. Das Bild eines heimatlosen Kindes, das am Wegesrand selten genug erbetteln konnte, um satt zu werden, zerriss geradezu ihr Innerstes. Hätte sie einst Rowena oder Lia an die Schrecken der namenlosen Fremde verloren, ihre Seele wäre daran zerbrochen. Die reine Vorstellung versetzte ihr einen Stich in die Magengrube.

Bereits seit ihrer ersten Begegnung verspürte Elise eine tiefe Zuneigung gegenüber der zarten und höflichen Dia. Nun, da die Glaserin ihre ganze Verletzlichkeit offenbarte, erkannte sie den Grund für diese zuvor noch rätselhaften Empfindungen. Erst diese eine Sekunde eröffnete ihr, welch einem Menschen sie in dieser Stadt begegnete. Dia gehörte entgegen allem Anschein nicht zu den wohlbehüteten Töchtern einer bürgerlichen Familie, die in luxuriösen Häusern aufwuchsen, feinen Stoff trugen und nie einen Eindruck von den Schattenseiten des Lebens erfuhren. Sie hatte in früheren Zeiten erlebt, was Kälte und Hunger bedeuteten, welch eine Demütigung es bereitete, auf den Knien um einen einzelnen Bissen alten Brotes zu flehen. In Tagen bitterster Not das Wenige mit einem kleinen Hund zu teilen und ihn aller Widrigkeiten zum Trotz unter die Fittiche zu nehmen, erforderte eine unbeschreibliche Güte. Dieselbe Herzenswärme, welche es brauchte, um eine Bauersfrau in zerschlissenen Kleidern gleich der Gräfin des Lehens zu empfangen.

Ungeachtet Elises tiefer Bewunderung befiel Dia jene verhängnisvolle Reue, welche die Bäuerin ihrerseits bereits seit Jahren quälte. Die Gemeine lauschte ihrer Entschuldigung mit betretenem Antlitz. Fast gewann sie den Eindruck, eine fremde Stimme habe ihr diesen verhängnisvollen Satz zugeflüstert. Auf diese Weise redeten nach ihrer Erfahrung vor allem Leute, die in aller Regel keinen Pfifferling auf ihre Mitmenschen gaben, hinter vorgehaltener Hand Häme und Beleidigungen tauschten oder ihre abschätzigen Beschimpfungen im schlimmsten Fall ganz offen durch die Dörfer riefen. Noch heute tönte ihr Spott in den Ohren der Bäuerin. Wer behauptete, eine arme Mutter ginge aus Ehrlosigkeit der Hurerei nach, der sagte zweifellos auch einem obdachlosen Kind, es solle gefälligst nicht so erbärmlich herumjammern. Nach einer halben Ewigkeit der Trauer über diese Erniedrigungen, verspürte sie heute zum ersten Mal eine stille Wut über das Unrecht, welches Dia vermutlich in gleicher Weise zuteilwurde. Mit diesen Sorgen wollte sie die liebe Gesellin nicht alleine lassen, hieran bestand für sie kein Zweifel. Elise dachte eine Weile nach, wobei ihre Hände, die zuvor noch unruhig über den rauen Stoff ihrer Schürze glitten, ganz allmählich zur Ruhe kamen. Schließlich hob sie den Kopf.

„Kinder erleben alles auf ihre eigene Weise“, sprach sie behutsam. „Zuweilen erkennen sie Dinge, die uns verschlossen bleiben. Und oft begreifen wir erst durch sie den wirklichen Wert des Daseins.“

Ein kurzes Freudenstrahlen erleuchtete das gesunde Auge der Bauersfrau, verglomm dann
jedoch schnell. Nunmehr lag Bitterkeit in ihrem Ton.  

„Zwei Töchter und einen Sohn hab ich in meinem Leben aufgezogen, Fräulein Dia. Eines weiß ich mit Gewissheit. Sie sehen die Wahrheit klarer. Die guten Seiten und die bösen.“

Für einen Moment schien die Bäuerin in die Ferne zu schweifen. Ihr Blick verlor sich im nahen Dickicht.

„Vor langer Zeit beging ich einen törichten Fehler, der mich teurer zu stehen kam, als ich je ahnen konnt. Meinen Kindern gegenüber verlor ich bis heute kein Wort darüber, hüllte mich in Schweigen, um sie vor meinem Kummer zu bewahren, ihnen die Bürde zu ersparen.“

Elise senkte das Haupt und betrachtete die wogenden Gräser zu ihrer Linken.

„Ein vergeblicher Wunsch, vor allem bei Rowena, meiner Älteren. Sie wusste genau, wie es mir erging. Ich sah es in ihrem traurigen Gesicht, wann immer sie mein Zimmer betrat. Nie hätt ich es ihr verheimlichen können. Dafür war sie schon immer zu einfühlsam. Zu klug.“

Die Bauersfrau schüttelte den Kopf. Dann schaute sie zu dem Glasermädchen auf. Den zuvor gesprochenen Worten zum Trotz wirkten ihre Züge gefasst. Die nächtliche Unterredung in der Feste der Paladine hatte viel verändert. Obgleich sie den Schmerz jener Zeit spürte, gab Elise ihr neuer Glaube die Kraft, ihn zu ertragen.

„Aber das ist nicht mehr von Belang“, wiegelte sie rasch ab. In dem Bewusstsein, weiter abgeschweift zu sein als nötig, strich sie verlegen ihren Überwurf glatt, bevor sie fortfuhr.

„Ich mein damit nur, Ihr müsst Euch nicht rechtfertigen. Am allerwenigsten für Eure Gefühle in schlimmeren Tagen.“

Zuletzt flüsterte sie fast nur noch.

„Es ist kein Verbrechen, einsam zu sein. Oder hilflos.“

Elise schwieg und versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln. Es fiel ihr unsagbar schwer, doch sie spürte, Dia würde die Aufrichtigkeit darin erkennen.
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#15

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
Mensch
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Es war der Adelstochter mit nur einem Blick zu der Bauerntochter durchaus bewusst gewesen, dass ihre Worte nicht auf jenes Unverständnis gestoßen waren, mit dem sie zumeist von denen bedacht wurde, dessen traurigster Moment der Verlust eines geliebten Pferdes oder die Niederlage in einer Werbung gewesen war. Elises Augen zeugten von dem allergrößten Mitgefühl und auch von einem Wiedererkennen, von dem Dia sich wünschte, es nicht bei ihrem Gast zu sehen. Zwar zeugte das verlorene Auge und Elises ruhige und ausweichende Worte über ihre Vergangenheit von einer großen Dunkelheit, ja, jetzt wo sie sprach, bekräftigte sie das auch wieder. Dennoch war es traurig zu wissen, dass auch diese junge Frau schreckliches erdulden musste.
Dennoch trotz des Verständnis hatte sich Dia für einen Moment gewünscht, Elise würde ihre Ausflüchte anerkennen und einen abrupten Themenwechsel vollführen. Stattdessen trieben die Gedanken und die Sätze immer tiefer in die verdrängte Vergangenheit und es war der Dame fast, als würde sie noch einmal wieder jenes verzweifelt Kind in ihrem Herzen spüren, dass kaum wusste, wie es dem alltäglichen Hunger und der alltäglichen Hilflosigkeit entfliehen sollte.

Gleichzeitig brachte sie aber auch in der Gegenwart ein tiefes Mitgefühl und eine Verbundenheit für die gute Elise mit. Ein „törichter Fehler“ war mehr als der „Schicksalsschlag“ von dem sie in der vorhergegangenen Woche gesprochen hatten. Dias närrische Flucht aus dem Vaterhaus war ganz sicher eher ein unverzeihlicher Entschluss gewesen, als bloß die Laune eines kleinen Kindes. Elises Erzählungen klangen hingegen meist mehr so, als habe sie mit fremden Launen des Lebens zu kämpfen gehabt, unfreiwillig und sogleich ehrenhaft. Doch als dann die Sprache auf ihre Tochter kam, konnte sich Dia für einen Moment vergessen und lauschte mit jener Aufrichtigkeit, die den beiden Frauen zueigen war.
Die Sehnsucht in der Stimme ihres Gastes nach den geliebten Kindern war kaum zu überhören. Noch immer wagte es die Gläserin kaum nach dem Verbleib derjenigen zu fragen. Sie fürchtete zu sehr, dass die Frage die Bäuerin nur tiefer in den Kummer stürzen würde – auch wenn Dia zum ersten Mal der Verdacht kam, dass sie womöglich sogar aushelfen könnte, je nachdem wie die Lage für die Bäuerin war. An flüssigem Geld mangelte es der sparsamen Komtesse nicht und an brüderlichem Einfluss in den angrenzenden Lehnen gewiss auch nicht.
Dia schluckte die wirklich bewundernswerte Idee für den Moment hinunter und lauschte stattdessen Elise, die den Bogen fand und ihrer Einfühlsamkeit und Freundlichkeit weiter in Worte kleidete.

Dia schluckte schwer. Tief ging das Mitgefühl, viel tiefer als die Worte, die sie unsicher mit den Händen wringen ließ: „Ich bin mir nicht sicher“, sagte sie leise und mied letztendlich den Augenkontakt: „ob ich die Situationen durch mein eigenes Fehlverhalten nicht selbst hervor beschwört hatte. Wie bei den tragischen Legenden...“, murmelte sie kurz und versuchte wieder angespannt die Erinnerungen aus ihren Gedanken zu verdrängen. Den Schmerz letzten Endes besiegt öffnete sie die Augenlieder und blickte noch immer in das warmherzige Gesicht einer echten Freundin: „Verzeiht mir“, murmelte sie noch immer schwach: „manche Erfahrungen liegen zu schwer auf dem Herzen, als dass sie einem fröhliches Gespräch dienlich wären.“
Doch dieses Mal entschied sich Dia bewusst dagegen, das Gespräch aus dem Kummer zu locken und etwas leichteres vorzuschlagen. Stattdessen rückte sie ihren Stuhl zurecht und begann in wenigen Sätzen wenigstens die kleinsten Eckpunkte zu erklären: „Schwierig mochte es gewesen sein, aber ich erlangte auch aus den unerklärlichsten Gründen gerade von jenen Hilfe, von denen ich es nicht erwartet hätte.“ Dia lächelte schwach, dann gelangte es zu ihren Augen: „Es wäre mir eine große Freude, irgendwann einem Menschen eine ähnlich große Hilfe sein zu können.“
Und wieder griff das seltsame Wissen über ihren Rang und Status nach ihr, aber dieses Mal, ohne, dass es sie ängstigte. Stattdessen fragte sie nun die Frage, die vermutlich Elise nicht hören wollte: „Ich fürchte, es ist ein wenig unpassend und...“ Dia unterbrach den Satz und begann von Neuem: „Es ist nur so... Ich..“ Sie brach wieder ab und winkte dieses Mal ein wenig unglücklich mit sich selbst. Schließlich brachte sie es nun doch hervor: „Fau Heimbruch, verzeiht meine so offene Frage, aber seid Ihr von Euren Kindern getrennt?“
Ihr Mann, so hatte Dia inzwischen verstanden, schien nicht von der Natur zu sein, dass er leichthin vermisst werden würde.
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#16

Elise Heimbruch

Bäuerin
Mensch
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Elise hegte die ehrliche Hoffnung, dem beschwerten Herzen Dias mit ihren Worten ein wenig Trost zu spenden. Einige wohlmeinende Sätze würden gewiss nicht die langen Schatten einer leidvollen Vergangenheit von der liebgewonnenen Glaserin nehmen, doch zuweilen half bereits das Wissen um die Tatsache, nicht allein zu sein, über einen kleinen Teil der Trauer hinweg. Dies lehrte sie ihre Reise nach Engelsfall auf eindringliche Weise, von den Wäldern um die Mechlear bis hin zu den obersten Wehrgängen der Grenzfeste. Nach einer langen Wanderung durch die finsteren Täler des Daseins bedurfte es selbstverständlich einiger Zeit, ehe Vertrauen und Zuversicht neu gedeihen konnten, auch diese Erkenntnis gewann sie in jener Zeit. Früher stand ihr Tristan mit großer Geduld und unerschütterlicher Fürsorge zur Seite. Und mit jeder Sekunde, die verstrich, wuchs in Elise der innige Wunsch, Dia denselben Beistand zu leisten, sofern es in ihrer Macht stand. Dies war das mindeste, zu dem sie die Großmütigkeit der Glaserin verpflichtete.

So ließ die Bäuerin ihrer Gastgeberin die Zeit, das Gesagte zu begreifen und mit ihrem Innersten in Einklang zu bringen. Denn wenngleich sie die Angewohnheit besaß, während ihrer Erzählungen häufig in weite Ferne zu entschwinden, entging ihr nicht, mit welch großer Anteilnahme die Gesellin den Worten gelauscht hatte. Dennoch suchten Elise von neuem große Zweifel heim. Natürlich hoffte sie, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, aber eine solche Offenbarung barg letztlich große Gefahr. Was, wenn ihre Einladung, die traurige Glaserin aufmunternd bei der Hand zu nehmen, nichts anderes bedeutete, als sie auf einen gefrorenen See voller Unheil zu führen, dessen Eis durch eine einzelne Silbe zu brechen vermochte? Elise trotzte der Ungewissheit, fand Halt in den ebenmäßigen Zügen der Gesellin, indes spürte sie die Schwere der Sorge, welche ihre Seele mehr und mehr in ein eisernes Kleid hüllte.

Dias eigenen Kampf mit den Dämonen der Vergangenheit mitanzusehen, minderte die Last auf den Schultern der Bauersfrau umso weniger. Es kostete die Bürgerliche eine sichtliche Überwindung, ihren Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Das eigene Herz zu erleichtern, stellte eine schwere Prüfung dar, und Elise selbst scheiterte einst im Beisein des Präceptors hieran, hinter den steinernen Zinnen hoch oben am Ende der Welt. In Dias Antlitz beobachtete sie altbekannte Furcht und Scham. Selbst jene wispernd vorgetragene Antwort der Glaserin erinnerte an die Ihre bei der ersten Begegnung mit Tristan. Besonders bestürzte Elise die Erwägung des Glasermädchens, aller Wahrscheinlichkeit nach selbst die Schuld an ihrem Unglück zu tragen. An dieser Stelle wäre die Bauersfrau am liebsten aufgesprungen, hätte auf Knien die Hände der Gesellin ergriffen und leidenschaftlich gegen diese Ansicht protestiert, die sie für denselben Irrglauben hielt, dessen Qualen sie in früheren Tagen erduldete. Stattdessen blieb ihr nur, still auszuharren. Der in Trauer abgekehrte Blick Dias erfüllte sie für einen Moment mit stummer Hilflosigkeit.

Eine große Erleichterung überkam die Bauersfrau, nachdem die Gesellin ihr Haupt aufrichtete. Die Schwermut spiegelte sich noch immer in ihren himmelblauen Augen, gleichsam wahrte die Bürgerstochter ihre Contenance mit jener Würde, die Elise ihrem Stand voller Bewunderung beimaß. Dias von Schmerz gezeichnete, doch nicht weniger edelmütige Bitte um Nachsicht bewegte die Gemeine tief und nur zu bereitwillig wäre sie dem mutmaßlichen Ansinnen der Glaserin gefolgt, es an diesem Punkt dabei bewenden und Vergangenes für den heutigen Tage ruhen zu lassen. Bereit, alle Verantwortung für den verhängnisvollen Lauf des Gesprächs auf sich zu nehmen, suchte sie nun ihrerseits nach einer passenden Entschuldigung, allein, das Gebaren Dias ließ sie innehalten. Ein wenig verunsichert beobachtete sie die wohlerzogene Dame bei ihrem Bemühen um eine aufrechtere Haltung. Was sie hiernach aus deren Munde hörte, gebot ihr, in stummer Ehrfurcht zu erstarren.

Die Gesellin wählte nicht den einfachen, naheliegenden Weg, sondern folgte Elise mit größter Tapferkeit in die Abgründe alten Übels. Und sie fand dort, vielleicht ebenso unerwartet, die gleiche Hoffnung, welche der Bäuerin in Stunden der Bewährung Kraft spendete. Dia machte nur einige Andeutungen, aber ihre Stimme verlieh dem, wovon sie sprach, eine weit tiefere Bedeutung. Das Glück, in schweren Tagen Hilfe und Beistand zu erhalten, die jeder vernünftige Mensch verloren glauben musste, nur solche wussten es in Worte zu fassen, denen es selbst begegnete. Diese Gemeinsamkeit brachte jene Nähe zurück, welche die beiden Frauen nach dem Empfinden der Gemeinen für einen qualvollen Moment voneinander trennte. Mit andächtiger Stille lauschte sie der Gesellin und obgleich sie es sich strengstens verbot, konnte sie die in ihrem Kopf aufkeimenden Fragen nach den Wohltätern, die Dias Weg kreuzten, kaum zum Schweigen bringen. Den tief empfundenen Wunsch, dieser jungen Maid, welcher sich Elise innigst verbunden fühlte, noch ein wenig näher zu kommen, vermochte die Bäuerin nur mit größter Willenskraft in die entlegensten Winkel ihrer Seele zu bannen.

Wenigstens eines wollte sie Dia aus tiefster Seele offenbaren. Denn der Bürgerstochter edelmütiger Wunsch, einem Menschen künftig selbst Halt zu bieten, hatte sich nach ihrer festen Überzeugung bereits erfüllt. Nicht erst seit dem heutigen Tage, an dem sie Gast in diesem wundervollen Garten sein, all die Geborgenheit und Wertschätzung spüren durfte, gehörte die Glaserin nach ihrer festen Überzeugung in die Reihe derjenigen, welche ihr einst den Weg aus allem Unglück wiesen. Wie die bunt zusammengewürfelte Truppe aus Spähern in den Wäldern des Nordens, die sie als Ausgestoßene bereitwillig bis an die Burgtore führten, oder Tristan, der sie ungeachtet des Zeichens der Sünde auf ihrem Überwurf von aller Acht reinwusch, durfte Dia längst Elises ganze Ergebenheit ihr Eigen nennen. In einer fremden Stadt, die sie weitgehend mit kalter Gleichgültigkeit empfing, gehörte sie zu den wenigen, die ihr etwas zuteilkommen ließen, das weit über bloße Freundlichkeit hinausging. In diesem einen Wimpernschlag verlangte es die Bäuerin peinvoll danach, alledem Ausdruck zu verleihen, aber jedes einzelne Wort, das sie hierzu in Betracht zog, versagte an der Größe dieser Aufgabe.

Elise haderte noch mit ihrem Mangel an Redegewandtheit, da nahm das Gespräch eine folgenschwere Wendung. Seit ihrer verhängnisvollen Reise an die äußersten Grenzen Arans zwangen die Umstände sie bereits oft, den eigentlichen Grund für ihre schicksalhafte Fahrt zu offenbaren, zuletzt erst im Beisein der beiden Offiziere aus Gond. Und stets fügte sie sich, stand Rede und Antwort, ganz gleich ob sie Verachtung oder im schlimmsten Falle den Kerker fürchten musste. Sie tat es in dem Bewusstsein, den ehrbaren Männern und Frauen Gehorsam schuldig zu sein, die sie zu ihrer Geschichte befragten. Und eine Lüge, gerade gegenüber einem Höhergeborenen, stellte stets und überall eine schwere Sünde dar. Dia aber stellte die Frage nach der Trennung von ihren Kindern nicht, weil sie wie Tristan einst den Flicken auf ihrem Gewand entdeckte oder gleich den Legionären die Anwesenheit einer Bäuerin in der Feste der Paladine aufzuklären gedachte. Sie tat es wegen Elises vorangegangenen Erzählungen, die, der Gemeinen wurde es erst jetzt bewusst, zwangsläufig bis an jenen Punkt ihrer Vergangenheit führten.

Die Hände von Dias Besuch griffen verzweifelt ineinander. Elise dämmerte, den Pfad in ihr Verderben selbst geebnet zu haben. Durch eine verhängnisvolle Unachtsamkeit stand das Tor zu den Geheimnissen ihres Aufenthaltes in der Stadt erneut weit offen. Die nunmehr wertlose Erkenntnis nahm ihren Wangen jede Farbe, ließ sie blass und scheinbar leblos zurück. Hätte sie es nur bei einigen harmlosen Andeutungen belassen, nichts von alledem wäre geschehen. Stattdessen stand sie nun in der Pflicht, Dinge preiszugeben, von denen niemand wissen konnte, auf welche Weise sie das Glasermädchen aufnehmen würde. In Dias Garten drohte ihr dabei vielleicht keine schallende Strafpredigt, selbst die Aussicht, in ein finsteres Verlies gesperrt zu werden, lag hier in weiter Ferne. Die Angst, bei einer Frau in Ungnade zu fallen, die sie mittlerweile liebgewonnen hatte, erschien ihr während dieser Sekunden indes noch schlimmer. Gewiss, ihr Schuldspruch verlor durch Tristans Wirken unlängst seine Gültigkeit, der Anhänger um ihren Hals bezeugte es in aller Aufrichtigkeit. Der Gerechtigkeit zum Trotz löschten sie nicht das Zwielicht aus, das eine Bauersfrau umgab, die ein freiherrschaftlicher Befehl zur Hure und Ehebrecherin machte. Was Dia hierüber denken mochte, traute sie sich kaum auszumalen.

Die Gemeine focht einen schweren Kampf aus. Ihr Blick wanderte ziellos durch das sie umgebende Grün. Sie ahnte, der Entscheidung endgültig beraubt zu sein. Der Präceptor hielt sie für eine künftige Priesterin Kusors. Und welch eine aufrechte Geistliche besaß die Niedertracht, einer mildtätigen Bürgerstochter die Wahrheit zu verheimlichen? Ein heiliger Schwur band sie nunmehr an Ehrlichkeit und Tugend, erlaubte keinerlei Ausflüchte. Es stand einzig der Gesellin selbst an, über sie zu urteilen. Und Elise wagte nicht, sich dem zu entziehen. Stattdessen fasste sie all ihr Vertrauen auf Dias Mitgefühl und hob den Kopf. Das schimmernde Braun in ihrem Auge, die schmalen Lippen ihres Mundes und selbst das kleinste Fältchen im Gesicht der Bäuerin erweckten den Eindruck, um Milde und Nachsicht zu bitten. Schließlich nickte sie sanft.

„Das war ich“, sprach sie. „Und bin es noch. Durch Torheit und Unverstand.“

Elises Hände vergruben sich neuerlich im Stoff ihrer Schürze. Es kostete sie größte Mühe, ihr Haupt nicht einfach abzukehren.

„Wisst Ihr, Fräulein Dia, es fällt mir bis auf den heutigen Tag schwer, alles zu begreifen. Und eine schöne Geschichte ist’s gewiss ebenso wenig. Andererseits bereitet die Wahrheit selten Vergnügen, oder nicht?“

Der geisterhafte Schatten eines bitteren Lächelns kam über ihre Lippen. Die Bäuerin sah kurz in den leuchtend blauen Himmel, während das helle Sonnenlicht den wenigen Haarsträhnen, die unter ihrer Haube zum Vorschein kamen, einen leichten Schimmer verlieh.

„Meine Familie und ich, wir führten ein gutes Leben. Das Land schenkte uns Wohlstand, meine Kinder wuchsen zwischen goldenen Ähren und immergrünen Auen auf, jedermann achtete uns, ob auf dem Gut oder in der Stadt. Und dieses Glück lohnte den schwersten Handschlag, gleich wie lang der Arbeitstag sein mocht.“

Erst jetzt wandte Elise ihre Züge dem Licht ab, starrte zu Boden. Ihre Stimme wurde matter.

„Ich wünscht, dies wär für immer gewesen. Oft frag ich mich, ob unsere Zukunft anders ausgesehen hätte, ohne diese eine Nacht. Aber das ist nur noch ein Traum aus vergangener Zeit. Weiter nichts.“

Die Finger der Bäuerin, zuvor noch verkrampft, verloren nunmehr gänzlich an Kraft. Mitten im Satz ließen sie von dem braunen Stoff ab, der sich sogleich wieder ebenmäßig über ihren Schoß breitete.

„Damals kamen Gerüchte auf, über zerstörte Gehöfte und niedergebrannte Felder. Eine Bande brandschatzender Grünhäute, hieß es, treibe im Umland ihr Unwesen. Die Bauern des ganzen Lehens fürchteten um ihre Pacht. Burkhard tat alles Menschenmögliche, um unseren Besitz zu schützen. Nutzlos. Als sie dann kamen, waren wir ihnen vollkommen ausgeliefert.“

Elises Arme schlangen sich um ihre Hüften. Erneut spürte sie die Gluthitze alter Zeit auf ihrer Haut, den giftigen Qualm, der ihre Lungen füllte. Die Bäuerin atmete tief ein und beschloss, rasch fortzufahren, ehe sie die Erinnerung übermannen konnte.

„Durch Kusors Gnade blieben wir alle am Leben. Aber viele unserer treuen Knechte und Mägde verloren das Ihrige. Die Ernte eines ganzen Jahres brannte nieder bis auf den letzten Halm und nicht eine Scheune blieb von dem Feuer verschont. Am Ende gehörte uns nichts mehr. Nur Asche.“

Ein leichtes Zittern erschütterte den Leib der Bauersfrau. Für eine Weile verharrte sie in Schweigen. Schließlich griff sie nach dem Glas voll Kirschsaft, das sie mit beiden Händen fassen musste, damit es ihr nicht entglitt und klirrend auf der Terrasse zu Bruch ging. Womöglich ein wenig überhastet trank sie es in einem Zug bis auf die Hälfte aus. Der erquickende Trunk verfehlte seine Wirkung dennoch nicht und spendete ihrem Gemüt sogleich ein wenig Ruhe. Vorsichtig stellte sie das Gefäß zurück auf den Tisch und hustete kurz.

„Unser ganzer Erwerb lag in Trümmern. Und bald schon nahte der Winter, kälter und erbarmungsloser als jeder zuvor. Zwar fanden wir Obdach in einer kleinen Hütte, die den Brand unbehelligt überstand, doch gegen den Frost bot sie uns kaum Schutz. Mein Mann verlor über den Verlust seines Eigentums alle Vernunft und verprasste die Ersparnisse der Familie in den Spelunken der Stadt. Bald darauf kostete ihn sein Laster das Leben. Was ich aus seinen Händen noch retten konnt, ging rasch zur Neige. Aus dem letzten Laib Brot, den der Bäcker uns aus Mitleid schenkte, kocht ich Suppe für drei ganze Wochen. Hiernach standen wir mit leeren Händen da.“

Elise faltete die Hände in ihrem Schoß, ohne aufzuschauen. Die Scham jener Tage holte sie ein. Nicht einmal das Wissen um Dia, der Hunger nicht unbekannt zu sein schien, half der Bäuerin darüber hinweg.

„Also ging ich des Abends von Tür zu Tür, bettelte um Reste, die an anderen Tischen im Dorfe übrigblieben. Viel bracht es nicht ein, denn die meisten vermochten wenig zu entbehren. Wirklichen Beistand erfuhren wir nur durch meine engsten Freunde, den Dorfschmied und unsere liebe Schneiderin. Sie taten alles in ihrer Macht Stehende, um uns zu helfen, Kusor möge sie auf ewig segnen. Für uns alle wollt es trotzdem nicht reichen. Tag um Tag wurd es schlimmer. Eines Morgens dann gelang es meinem Sohn Herod kaum mehr, nur ein kleines Bündel Holzscheite zu heben. Und mit den Mädchen stand es gar noch schlimmer. Ich wusst nicht mehr ein noch aus.“

Die angenehme Sommerwärme erfüllte noch immer Dias kleinen Garten. Dessen ungeachtet wandelten sich seine prachtvollen Farben in Elises Gemüt zu dem Grau einer trostlosen Winterlandschaft.

„Die Dämmerung kam und ich zog hinaus in das Dorf, sprach an jeder Pforte vor. Mehr als verschlossene Riegel und Tore fand ich dort nicht vor. Am liebsten hätt ich mich weinend an den Straßenrand gelegt. Stattdessen hört ich das Galoppieren eines Pferdes, schaute hinauf und erkannte einen Mann in edlen Kleidern. Er trug ein Schwert am Gürtel und das Wappen unseres Freiherrn auf der Brust.“

Das Herz der Bauersfrau stockte unmerklich. Noch immer dachte sie darüber nach, warum sie dem unbekannten Reiter einfach vertraute.

„Er erklärte mir, ein Bote seiner Hochwohlgeboren von Hoyfeaut zu sein, dem Herrscher unseres Lehens, versprach, sein Herr werde sich meiner Not annehmen, wenn ich gleich mit ihm käm. Natürlich verstand ich nicht weshalb er dies tat, noch dazu für eine unbedeutende Untertanin. Gleichwohl dacht ich darüber nicht nach. Ergeben und dankbar erlaubt ich ihm, mir aufzuhelfen, und wir ritten durch das verschneite Land, bis hin zur entlegenen Feste.“

Ein unsichtbarer Strick schnürte Elises Kehle zu. Nun folgte jener Teil ihrer Geschichte, der Dia womöglich in helle Aufruhr versetzte. Obgleich gestärkt durch das Urteil des Präceptors von Aron, bedeutete die Beschuldigung eines Adeligen durch eine Angehörige niederen Standes nicht weniger als einen offenen Eklat. Ohne einen erkennbaren Ausweg, der sie von dieser Misere befreite, ergab sich die Bäuerin in ihr Schicksal.

„Unser Freiherr empfing mich mit allen Ehren“, flüsterte sie. „Seine Diener kleideten mich in feinste Seide und öffneten die Tür zu seinen Hallen. Dort befand sich eine Tafel, gedeckt mit Dingen, die ich nie zuvor sah. Es kam mir schrecklich maßlos vor und meine Hand wagt es kaum, die guten Speisen anzurühren. Ich wähnt mich schon jenseits allen Verstands, erinnerte ihn an meine Kinder, daheim in der kalten Stube. Mit letzter Kraft fleht ich um die Hilfe, von der sein Gesandter sprach. Er lachte daraufhin nur lauthals. Seine wahren Absichten erkannt ich viel zu spät.“

Erst in diesem Moment erlaubte sich Elise, in Dias Augen zu blicken. Ihr Ausdruck sprach von größter Zerrissenheit.

„Ich schwör es bei Kusor, dem Allmächtigen, Fräulein Dia, unseren Lehnsherrn bin ich stets treu geblieben. Mein Eheversprechen aber war mir weit heiliger denn jeder Eid auf dieser Welt.“

In stummer Resignation neigte sie das Haupt.

„Meine Ehre konnt ich bewahren, doch hierfür traf mich sein Zorn. Vor den Augen meiner Nachbarn ließ er mich bestrafen und erlegte mir das Schandzeichen der Verbannten auf, das ich fortan auf meinen Kleidern trug. Ich wurd an den Rand eines kleinen Sumpfs weit entfernt vom Dorfe verstoßen, ohne meine Kinder je wiedersehen zu dürfen. Die Leute schimpften mich fortan eine Dirne und behandelten meinen Sohn und die Mädchen gleichermaßen. Einzig Ilenia, unsere gute Schneiderin, und Grimkosch, unser Schmied, bewahrten sie vor dem Waisenhaus.“

Elise hauchte einen leisen Klagelaut aus. Ihre ganze Gestalt wirkte von Sekunde zu Sekunde kümmerlicher. Selbst ihr Schweigen über das ganze Ausmaß der erlittenen Demütigung machte die Erinnerung für sie kaum erträglicher.

„Von da an führt ich ein elendes Dasein. Die Tage über ertrug ich den Spott der Menschen und des Nachts weint ich mich einsam in den Schlaf. Nur Ilenia schlich sich manchmal heimlich zu mir und tröstete mich. Ohne sie hätt ich all dies wohl nicht überstanden.“

Die Bauersfrau machte eine kurze Pause und sann darüber nach, was ihre Freundin wohl gerade tat, ob sie an einem neuen Kleid nähte oder mit Rowena und Lia spielte. Nicht selten kam es ihr vor, als habe sie das verschmitzte Gesicht der Näherin zuletzt in einem anderen Leben gesehen.

„Erst das Herannahen dieses furchtbaren Krieges bot mir einen Ausweg, so eigenartig es klingen mag“, knüpfte sie in nachdenklichem Ton an. „Eines Tages hört ich aus der Ferne einen Ausrufer seiner Hoheit. Es hieß, alle wehrfähigen Männer und Frauen seien aufgerufen, die Waffen zu ergreifen. Und einem jeden tapferen Streiter sollten seine Sünden für immer vergeben werden.“

Elise schüttelte über ihr damaliges Ansinnen den Kopf. Erst im Nachhinein erkannte die Gemeine das volle Ausmaß der Nutzlosigkeit ihres Vorhabens.

„Noch am selben Tag überlegt ich lange. Natürlich wusst ich, nur eine Närrin käm auf den Gedanken, mit des Fürsten Soldaten zu marschieren, und immerhin hatt ich nie gelernt, auch nur einen Speer zu tragen. Trotzdem stellt ich mir stets dieselbe Frage. Wär es nicht besser, meine Kinder gegen die plündernden Horden der Feinde zu beschützen, und sei’s an vorderster Front, statt in einer morschen Hütte ihrer Ankunft zu harren? Und wenn es eine Hoffnung gab, meinen Fehler auszulöschen, die Schuld von ihnen zu nehmen, musst ich es dann nicht wenigstens versuchen?“

Die Bäuerin seufzte.

„Jedenfalls dacht ich dies. Alsdann nahm ich allen Mut zusammen, schulterte meinen Bogen und ging auf eine große Wanderschaft. Nach langer Reise erreichte ich den Fuß des Erzgebirges und die Grenzfestung Engelsfall. An der Seite von Kriegern aus allen Winkeln des Landes erhielt ich Einlass zum Hof. Und dort wartete ich auf mein Ende, denn aus der Schlacht zurückkehren würd ich nicht, hierüber macht mir keine Illusionen.“

Ihre eigenen Worte kamen Elise an dieser Stelle überaus eigenartig vor. Sie sprach von ihrem Marsch und der Ankunft in jener bedeutenden Burg, als lägen diese Ereignisse weit in der Vergangenheit. Und obgleich sich das Wirken höherer Mächte auf den Lauf der Zeit weit jenseits ihres Fassungsvermögens befand, beharrte ihre Seele darauf, noch vor kaum einem Monat nahe einer bitterkalten Steinmauer gelegen zu haben.

„Die Dunkelheit brach herein und ich mühte mich, ein wenig zur Ruh zu kommen. Es gelang mir nicht recht, vor allem wegen eines bösen Traums, der mich furchtbar ängstigte. Rastlos stieg ich einen der Türme hinauf und gelangte zu einem Wehrgang, hoch oben über den Wällen. Ich hofft, womöglich jemanden zu finden, nur eine Menschenseele, die mich anhörte. Doch vielleicht wollt ich nur ein letztes Mal die Sterne sehen.“

Elise hob ihre rechte Hand und umfasste den silbernen Greif um ihren Hals.

„Dort hat mich der Präceptor dann gefunden. Zuerst fürchtete ich, von ihm davongejagt zu werden, immerhin hätt es jeder andere getan, aber der Flicken auf meinem Kleid war ihm einerlei. Eine Bauersfrau unter all den grimmigen Männern verwunderte ihn und so erzählt ich meine Geschichte. Er nahm mich bei der Hand und ich ging mit ihm hinab. Vor den Brüdern seines Ordens hielt er eine große Messe und nahm mir die Beichte ab. Das Schandzeichen schnitt er von meinem Gewand und wusch mich von der Schuld rein, befreite meine Familie von allem Verruf.“

Sie ließ den Anhänger los und das Licht funkelte auf der glitzernden Oberfläche des Schmuckstücks.

„Ich folgt ihm in diese Stadt. Seither diene ich dem Orden der Paladine. Einzig dem Präceptor verdank ich eine Zukunft für meine Kinder und mein Leben. Darum tu ich in seinen Diensten, wozu ich nur fähig bin. Kusor weiß, ich steh für immer in seiner Schuld.“

Elise sank erschöpft in ihren Stuhl. Die schicksalhafte Fahrt durch halb Aran im Geiste von neuem zu absolvieren, ging nicht ohne Spuren an ihr vorüber.

„Meine Kinder leben noch bei unseren Freunden“, antwortete sie nun auf Dias ursprüngliche Frage. „Herod hat inzwischen seine Lehre in der Schmiede begonnen. Er ist unglaublich geschickt für sein Alter. Rowena und Lia helfen noch immer in der Schneiderei aus. Ilenia erzählte mir oft, welch großes Talent sie besäßen. Ich bin unsagbar stolz.“

Sie spürte, wie eine kleine Träne in ihrem Auge aufstieg. Rasch blinzelte sie diese hinfort.

„Die Ordensmänner in Lorgand wachen nun über ihr Wohl, der Präceptor gab mir sein Wort darauf. Es spielt keine Rolle, ob sie für mich unerreichbar sein mögen. Sie sind in Sicherheit. Nur dies zählt.“

Jene letzten Worte kamen gleich einem zarten Wispern über die Lippen der Bauersfrau. Dann kehrte Stille ein. Einzig das Rascheln des Laubs oben in den Bäumen erfüllte die Luft. Es dauerte lange, ehe Elise es riskierte, in Dias Antlitz zu sehen.

„Ich hätt schon viel früher von alledem erzählen müssen“, flüsterte sie mit reumütiger Stimme. „Wenn ich Euch darüber getäuscht habe, wer ich in Wirklichkeit bin, bitt ich aufrichtig um Vergebung.“

Betreten blickte die Bäuerin zu Boden.

„Und solltet Ihr von mir verlangen, zu gehen, dann werd ich es tun. Ohne ein Murren, das versprech ich.“
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#17

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
Mensch
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Vom ersten Augenblicke an bereute Dia ihre schnelle Frage. Sie musste nur das ernsthafte Ringen sehen, die Furcht, die Schwere und die Unsicherheit. Ihre Frage war zu tief gegangen, brach durch die Wälle guten Erscheinens und legten jene Bereiche der Seele brach, die unter einer dicken Kruste irgendwie verheilen sollten. Die Adelige verwünschte sich und öffnete in geteilter Hilflosigkeit ihren Mund, um ihre ehemalige Begeisterung und ihre vorwitzige Aufforderung zurücknehmen zu können. Doch nichts fiel ihr ein, kein Wort wollte erklingen.
Der Wunsch Elises, bei ihrer Gastgeberin nicht in Ungnade zu fallen, stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben und die Gläsergesellin konnte sich keine einzige Geschichte ausmalen, die ein solches Gebaren erklären könnte. Gewiss, eine Mutter, die ihre Kinder verließ, war etwas schändliches – und doch sah die Bäuerin keineswegs so aus, als hätte sie dies mit irgendeinem böswilligen Gedanken getan. Nein, sie selbst litt vermutlich stärker, als irgendwer es jemals verlangen könnte...

Als ihr Gast dann doch die Stimme erhob, da wusste Dia, dass es zu spät war. Kein Wort von ihr würde die Bäuerin unterbrechen können. Alles würde sich Bahn brechen und Erinnerungen freilegen, von denen die Komtesse nicht einmal wusste, ob sie diese hören wollte. Elise sprach und schon bereitete sich eine andere Welt vor den Augen der Adeligen aus, eine Geschichte, die wirklich bedauernswert, traurig und ungerecht war. Sie selbst hatte kaum ein Jahr mit der bittersten Armut zu kämpfen gehabt. Sie kannte das Gefühl, sie wusste ganz genau wie sich eine milde Gabe anfühlte, wenn alles Ehrgefühl einen verlassen hatte und jede Kleinigkeit die Hoffnung auf den nächsten Tag erhöhte.
Elise indes hatte noch für ihre Kinder zu sorgen. Der Verlust über ihre Ländereien und ihres Mannes waren harte Schicksalsschläge. Doch die folgenden Worte ließen Dia schaudern und den Blick absenken.

Es begann damit, dass sie von Hoyfeaut kannte. Besser gesagt, sie war auf einem dieser lästigen Gesellschaften mit diesem aalglatten Herrn bekannt gemacht worden. Ihre Begegnung hatte bestimmt nur ein paar Herzschläge gedauert, aber Dia hatte das Gesicht dennoch gut vor Augen und das Wissen, dass sie dem Mann keinerlei Sympathien entgegen gebracht hatte. Andererseits brachte sie den Menschen ihres Standes selten besonders viel Verständnis entgegen und so meinte sie, meistens vorschnell und überheblich zu urteilen und besann sich auf ihre bescheidenes Glück.
Aber Elises Worte verdeutlichten ihr, dass sie sich wenigstens in diesem Herrn nicht getäuscht hatte. Sie schauderte erneut, als sie sich jenes Bankett vorstellte. Die mittellose Bäuerin auf der einen Seite, deren Not sie so hilfsbedürftig gemacht hatte, dass sie jeder Freundlichkeit glauben schenken musste und dem Mann auf der anderen Seite, der seine Macht so gut kannte, dass er jene gerne ausnutzen wollte.
Es erinnerte sie an ihren eigenen Vater und für einen Moment war ihr übel genug, um die duftenden Pfannkuchen vor ihnen für immer zu verderben.

Verständnisvoll nickte die Glaserin. Es kam ihr überhaupt nicht in den Sinn, die Worte ihres Gastes anzuzweifeln. Stattdessen beweinte sie eben jene Ungerechtigkeiten in dem Leben ihrer neuen Bekannten und verwünschte diesen Mann und diese Menschen, die einen so liebe Frau verstoßen und möglicherweise sogar verhungern lassen könnten. Und gleichwohl beglückwünschte Dia sie für die gute Freundin, die ihr allem Übel zum Trotz beigestanden hatte.
Lediglich den herannahenden Krieg konnte sie kaum richtig einordnen. Wurden schon Frauen eingezogen? Das wäre ihr neu, aber nicht verwunderlich. Und ihrer Erinnerung nach waren die Truppen noch weit weg von Engelsfall. Für einen Moment sorgte sich Dia um ihre Brüder, dann wandte sie sich wieder ganz dem Leid Elises zu – besser gesagt, dem Ende des langen Leidensweges. Dias Lippen lächelten, als sie von der wahren Freundlichkeit dieses Tristans hörte. Jetzt erst begriff sie die schicksalshafte Wendung und die Dankbarkeit, die Elise diesem Kriergerpriester entgegen brachte.

Doch die weiteren Worte ließen sie erblassen. Wie kam Elise zu der Idee, dass alles, was sie gesagt hatte, sie in einem schlechteren Licht darstellen würde? Selbst wenn die Götter sie gestraft hatten, es mussten ungerechte und schlimme Götter sein. Dia schluckte und als sie selbst das Wort erhob, da war ihre Stimme zwar sanft, aber bestimmt: „Keineswegs habt Ihr mich getäuscht. Im Gegenteil, Eure Worte waren und sind aufrichtig und wahr gewesen und zeugen von Eurem großmütigem Charakter“. Dia hoffte ihrem Gesicht jene Freundlichkeit und Anteilnahme Ausdruck verleihen zu können, die sie tief in ihrem Herzen spürte.
Sie schluckte schwer: „Wenn jemand getäuscht wurde, so wart Ihr es in der Freundlichkeit Eures Freiherrn.“
Dies war ein weiterer Grund, so wurde der Adeligen gewahr, ihre wirkliche Abstammung nicht preiszugeben. Die Kluft würde nur wachsen, würde Elise sie für jemanden halten, der ähnlich instrumentell mit ihrer Macht umgehen würde: „Die gottgegebenen Privilegien sind nicht für den eigenen Vorteil gedacht, sondern um jene zu schützen und versorgt zu wissen, deren Aufgaben in dem Beschaffen des Brotes oder der Priesterweihe liegen“.
So hatte ihre Mutter es ihr einst, vor vielen Jahren, immer wieder erklärt – und jene Worte auch in den Mündern ihrer Brüder zu finden war ihr jedes Mal eine solche Freude, dass sie kaum glauben konnte, wie ihr Vater solch wundervollen Spross hervorbringen konnte.
Mit den Aufgaben stieg natürlich die Privilegien. Deshalb durfte der König einen großen Hofstaat halten und sich manche Eskapaden erlauben – weil er durch die Ordnung dieser Welt ein ganzes Land schützen und aufrecht erhalten musste. Genauso verhielt es sich mit den Adeligen.
„Müsste ich einen Schuldigen in Eurer Erzählung finden müsste“, sagte Dia, bemüht, ihren Anteil, aber auch ihre Sicht über die Vorgänge darzulegen: „so sehe ich keinerlei Falschheit in eurem Verhalten, keinerlei Missgunst und keinerlei Schandtat. Nein, ein Schuldiger würde die Ländereien treusorgender Menschen niederbrennen oder eben mit Lügen und Verderben einen Ahnungslosen in eine Falle locken, für die es kein entrinnen gab...“

Dia seufzte schwer. Das waren so ziemlich die unverzeihlichsten Worte gewesen, die sie seit langem gesprochen hatte. Ihre milden Augen lagen auf Elise und verdrängten gekonnt jeden Vergleich zwischen ihrer Geschichte und der bedauernswerten dieser guten Frau. Wenn sie es recht betrachtete, so lang Elises einzige Schuld darinnen, einem höhergestellten Herrn vertraut zu haben – und Dias darinnen, eben jenem einen so großen Misstrauen entgegen gebracht zu haben, dass sie letzten Endes in ihr eigenes Verderben geritten war.
Mochte die Bäuerin Gnade für ein junges Mädchen finden, dass den Hof ihres Vaters verließ, weil sie keinerlei Zukunft dort sehen konnte? Wie abgedroschen und unwirklich waren doch damals ihre Gedanken gewesen! Wie unvernünftig! Nein, wenn jemand Schuld an seinem Schicksal trug, so war es eher Dia, die weder ihre kostbare Ehre noch ihren Titel hatte schützen können.

Jetzt kämpfte sie gegen das aufkeimende Gefühl, Elise in den Arm nehmen zu wollen, ihre Hand zu halten und mit ihr den Trost zu geben, die sie brauchte, aber auch mit ihr das neue Geschick zu feiern. Stattdessen lächelte sie blass und fuhr fort: „Es freut mich, dass Eure Kinder in guter Obhut sind und so ehrenwerte und wichtige Berufe erlernen können. Es ist eine Wohltat, das zu wissen.“

Erst nach diesen bekennenden und freien Worten kehrte die Adelige zu ihrer usprünglichen Scheu zurück. Milder nun, denn so abstrus es klingen mochte, die Offenbarungen hatten fast ein unsichtbares Band zwischen die beiden gewebt, dass nur Dias eigene Geschichte fester weben konnte. Doch davor ängstigte sie sich so sehr, dass selbst jedes innere Zerreißen, auch die eigene Trauer dazulegen und damit das Verständnis, das Wiedererkennen und die geteilte Scharm ausdrücken zu können, sie nicht dazu bringen konnte, ihrem eigenen Schmerz Ausdruck zu verleihen.
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#18

Elise Heimbruch

Bäuerin
Mensch
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Die wenigen Momente der Stille, die auf ihre Erzählung folgten, glichen in Elises Gemüt einer schieren Unendlichkeit, die für sie immer unerträglicher wurde. Aller Geheimnisse beraubt, kam sich die Bäuerin nunmehr ebenso beschämt und hilflos vor wie einst auf dem Marktplatz ihres Heimatdorfes im Angesicht der fluchenden Menschenmenge. Und obgleich Dia, offenbar der Etikette ihres Standes wegen, davon Abstand nahm, sie mit Empörung zu strafen, spiegelten ihre Augen doch die tiefe Erschütterung wider, welche die Enthüllungen in dem Glasermädchen auslösten. Eine ehemals Geächtete im eigenen Garten empfangen zu haben, musste die brave Gesellin nach dem Dafürhalten der Bauersfrau bestimmt in tiefes Entsetzen stürzen. Die Geschehnisse in der Feste des Freiherrn wiederum erfüllten sie fraglos mit Abscheu, allein ihr ausweichender Blick verdeutlichte es in aller Eindringlichkeit. Selbst Dias Kopfnicken war nach Elises Wahrnehmung vermutlich kaum mehr denn der Ausdruck höflicher Missbilligung. Das Urteil der Bürgerstochter stand ohne Zweifel bereits fest. Und Elise, deren Hoffnungen, in der Fremde eine liebende Freundin zu finden, unwiderruflich zu Asche zerfielen, wäre am liebsten davongelaufen.

Die Bäuerin, gekrümmt vor Trauer, beschloss, den Besitz der edelmütigen Gastgeberin nicht weiter mit ihrer ungebührlichen Anwesenheit zu beschmutzen. Lag es in ihrer Macht, so wollte sie Dia wenigstens die Bürde abnehmen, in jener misslichen Lage die rechten Worte finden zu müssen, um dem drohenden Eklat schnellstmöglich ein Ende zu bereiten. Wenn sie sich einfach nur von ihrem Platz erhob, mit gesenktem Kopf um Vergebung bat und ohne jede Klage von dannen schritt, ehe die Verzweiflung sie zu einem Häuflein Elend machte, ersparte sie der Bürgerstochter wenigstens einen handfesten Skandal, den fraglos bereits ein neugierig lauschender Nachbar heraufbeschwor. In Elises Gliedern aber regte sich keine Kraft. Erstarrt vor stummer Pein gelang es ihr nicht, Dias betrübtem Antlitz den Rücken zu kehren. Die Finger der Bäuerin gruben sich noch tiefer in die abgewetzte Schürze ihres Überwurfs und ihr Mund verzog sich, als könnte sie das Schluchzen aus ihrer Kehle nicht mehr länger im Zaum halten.

Und dann kam alles anders. Dias zarte Lippen formten ein gütiges Lächeln und mit ihrer feinen Stimme zerstreute sie Elises Befürchtungen im leise säuselnden Wind, der flüchtig durch die Rockenden der beiden Frauen strich. Die Bäuerin traute ihren Ohren kaum, wähnte, einen Traum zu träumen, dessen Ende baldigst nahte und sie zurück in ihr kleines Bett im Kloster der Paladine führte. Meinte die Glaserin es wahrhaft ernst, sah sie in ihr keine dummdreiste Lügnerin, die lediglich das Offensichtliche abstritt, ja nicht einmal eine törichte Närrin, die in der freiwillig betretenen Höhle des Löwen den gerechten Lohn für ihre Dummheit erhalten hatte? Seit langer Zeit plagten die Bäuerin tagein tagaus dieselben Gewissensbisse, noch immer befeuert von den boshaften Beschimpfungen ihrer einstigen Nachbarn, die sie bis weit über die Grenzen ihres Heimatdorfes verfolgten und stets an ihre Schande erinnerten. Und nun sprach eine tüchtige und aufrechte Handwerkerin, die Tochter einer angesehenen Familie, sie von allem frei, tat es Tristan und den Abgesandten aus Gond gleich, die ebenso nichts von der Schuld anerkannten, die Elise trug. Hier in Aron, weit fort von ihrer Heimat, verlor ihre Ungnade alle Bedeutung, eine Erkenntnis, die erst durch Dias Weisheit in ihrem Herzen zu erwachen begann.

Die Trauer der Bauersfrau wich in einem Wimpernschlag unendlichem Glück und tiefster Dankbarkeit. Unfähig, ihre Tränen zu verbergen, erwiderte sie die frohgemute Miene der Gesellin und der kleine Fluss aus Salz auf ihrer geröteten Wange leuchtete im Schein der Mittagssonne auf. Ein wenig hilflos strichen Elises Hände ziellos durch die Falten ihres Kleids, ohne hierbei Halt in dem blassen Stoff zu finden. Die Bäuerin besaß kaum mehr die Contenance, es in seiner Endgültigkeit zu begreifen, dennoch spürte sie, in dieser Stunde endlich von allem frei zu sein. Und Elise fand vor Rührung kaum mehr zur Sprache, fürchtete noch immer, jenseits einer wachen Wahrnehmung zu weilen.

„Fräulein Dia, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das bedeutet mir sehr viel. Ich dank Euch von Herzen. Habt tausend Dank.“

Mehr brachte die zitternde Gemeine nicht hervor. Ihre Ergebenheit hätte ehrlicher und aufrichtiger nicht sein können, trotzdem grämte sie sich, noch ehe die letzte Silbe gesprochen war. Das rührselige Geschwätz einer einfältigen Bauernmagd, dies wurde ihr schmerzlich bewusst, gereichte kaum dazu, auch nur einen Teil ihrer Hingabe angemessen kundzutun. Hin und hergerissen zwischen überwältigender Glückseligkeit und der peinlichen Empfindung, in ihrer niederständischen Unzulänglichkeit ertappt worden zu sein, wischte sie mit einer Hand über ihre glühend heiße Backe.

„Bitte verzeiht mein Benehmen“, flüsterte sie leise. „Ihr seid voll der Geduld mit mir und zum Dank quäl ich Euch mit meinem Gewimmer. Wisst Ihr, ich war schon immer ein wenig näher am Wasser gebaut, als es mir gutgetan hätt. Arme kleine Jammerlise, so hat mich schon meine Mutter stets genannt.“

Elise versuchte vergebens, mit jener kleinen Ausflucht ihre verlorene Fassung wiederzufinden und das Lachen auf ihrem Gesicht wirkte mehr bemüht denn scherzhaft. Schließlich gab sie es auf, gegen ihr Innerstes anzukämpfen, senkte das Haupt und ließ ihre weinende Seele in Stille gewähren. Das wogende Laub in der Höhe vermischte sich mit dem friedlichen Lied der Vögel zu einer heilsamen Melodie, die ihrem Geist Linderung verschaffte. Die Bäuerin sah von neuem auf und wirkte bereits merklich gelöster.

„Doch Eure Worte sind mir das schönste Geschenk. Ich hoff, Ihr seid nachsichtig, denn zu meinem Unglück besitz ich nichts, womit ich’s Euch vergelten könnt. Nur meine Fürbitten und Gebete, wenn Ihr es mir erlaubt.“

Sichtlich verlegen ob dieser Feststellung hob Elise einen Arm, zupfte mit Daumen und Zeigefinger an der Schleife ihrer Haube, fand abgesehen hiervon allerdings ganz allmählich zur Ruhe. Lediglich ein unruhiges Blinzeln der Bäuerin zeugte noch immer von den Tränen, die nicht recht trockneten.

„Und meinen Kindern gefiele es gewiss, dürften sie eine ehrbare Zünftlerin kennenlernen. Ich bin mir sicher, die drei würden Euch sehr mögen.“

Elise schmunzelte zaghaft bei diesem Gedanken. Natürlich handelte es sich einzig um naive Träumerei. Und trotzdem gefiel ihr die Vorstellung, ihrem Sohn und den Mädchen zuzusehen, während sie Dias Lektionen lauschten. Vor allem für ihre Töchter hatte sich Elise schon vor langer Zeit heimlich mehr gewünscht als das schwere Los eines Bauerndaseins. Und es gab Menschen, die ihr in dieser Hinsicht Hoffnung gaben, welche bewiesen, wie weit es eine tüchtige Frau trotz aller Vorurteile bringen konnte.

Ilenia etwa, die mit Fleiß und unerschütterlichem Ehrgeiz zur gefragtesten Weberin im Umkreis vieler Meilen geworden war. Oder Dia, die ein besonders kunstfertiges Gewerbe beherrschte, das nach ihrer Erfahrung bislang allein den Männern vorbehalten blieb. Mit Verwunderung bemerkte Elise die vielen Gemeinsamkeiten von Schneidermeisterin und Glasergesellin, aller Widersprüche zum Trotz. Die eine mit ihrem strohblonden Zopf, stets ausgelassen und mit einem losen, manchmal gar vorlauten Mundwerk. Und die andere mit Haaren gleich goldener Seide und einem vollendeten Auftreten, das selbst einer Hochgeborenen zur Ehre gereichte. Aber ihr einzigartiges Können stand über allen Unterschieden. Und Elises tiefe Zuneigung einte sie.

Dies alles ermutigte die Bäuerin dazu, für Herods Schwestern auf ein erfüllteres Schicksal zu hoffen. Und selbst in Elises Leben schien das letzte Wort noch nicht gesprochen. So stahl sich zuletzt ein Funken Hoffnung in ihre Rede.

„Vor allem Rowena und Lia wären begeistert“, sprach sie freudenstrahlend zu Dia. „Mit Kusors Hilfe eifern sie Euch in ihrem Handwerk eines Tages vielleicht nach. Dies wär mein sehnlichster Wunsch.“
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#19

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
Mensch
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Als Dias Stimme verklang, konnte sie beobachten, wie ihre Worte dort getroffen hatten, wo Qualen zuvor noch das Leben verdüsterten. Elises bebende Stimme, die Dankbarkeit, die sie so unverhohlen Ausdrücken konnte, die Tränen, die so ungehindert flossen und die künstliche Fröhlichkeit, die nur die tiefe Gefühlsregung verbergen sollte.
Dia verstand nur zu gut, welcher Trost aus freundlichen Worten stammen konnte, welche widerstreitenden Emotionen ein Mensch fühlen konnte und wie heilsam ein wenig Ruhe, ein wenig Stille war, wenn traurige Erinnerungen losgelassen wurden und glücklicheren Platz schaffen mussten. Es war, wie ein letztes Mal der Dunkelheit ins Gesicht blicken, um sich dann doch abzuwenden und das Licht hinein zu lassen.
Die Komtesse selbst war ebenfalls stark ergriffen. Auch ihr schlich sich eine kleine, bedeutungslose Träne hinunter, die nur zeigte, wie sehr sie den Moment genießen konnte, obwohl vor ihre eine Frau in Tränen aufgelöst saß.
Es war wunderschön und berührend zugleich.

Als die Dämme wie nach einem langen ringen brachen und es aussah, als würde weitaus mehr als nur das salzige Wasser von Elise fortgespült, da kämpfte Dia schon wieder mit dem Wunsch, ihrer neuen Freundin die Arme umzulegen, sie zu drücken und zu halten, wie eine Mutter es mit ihrem Kinde getan hätte. Und doch rührte sie sich nicht. Es kam ihr unpassend vor, einer Fremden in solcher Vertrautheit zu begegnen und außerdem wusste sie auch nicht, wie sie einer sitzenden Frau die Hand halten sollte und mehr Anteil ausdrücken könnte, als durch ihre stumme Übereinkunft, dass Elise  mit ihrem Verhalten fortfahren darf, solange und so tief, wie sie es wünschte.

„Eure Gebete und Fürbitten sind bei mir willkommener als jedes Geschenk aus Gold und Seide“, sagte Dia besonnen lächeln. Es stimmte, sie konnte göttlichen Beistand – auch wenn es von der falschen Gottheit kommen würde, auch wenn es von jenem Kursor kam, dessen Anhänger in Gond ein lästerliches Leben führten und den hoheitlichen Prinzipien Arons widerstrebten – dringend gebrauchen. Der Spagat in zwei Leben würde ihr niemals gelingen, wenn nicht eine höhere Macht auf sie achten würde – und die Kostbarkeiten der diesseitigen Welt waren ihr schon in Massen zugetan. Sie hatte mehr Reichtümer als eine bescheidene Frau zum Leben brauchte. Ihrem Stande gemäß musste nur die repräsentativen Hallen sein, vielleicht auch noch dieser verwilderte Garten – aber sie würde sich hüten in ihre eigenen Gemächer kostbare Büsten und elegante Schnitzereien zu stellen, derer sie zuhause auf der Burg zuhauf hatte.

Elise schien sich leicht zu verändern. Gutmütig blitzte ihr Auge wieder, Freude legte sich auf ihr Gemüt und ihre Stimme klang beschwingter, weniger gequält, sondern gleichsam befreiter. „Es wäre mir wahrhaft eine Freude, wenn es mir vergönnt wäre, Eure drei Kinder kennen zu lernen.“
Dias Ton wurde ein Spur dunkler, als wollte sie einen Großteil ihrer selbst aufwühlenden Gefühle verbergen: „Mir selbst bot sich nie die Möglichkeit, selbst in den Stand der Ehe einzutreten und so erfreue ich mich an den Sprösslingen anderer“, scherzte sie, aber die leichte Stimmung misslang ihr ein wenig.
Doch ihre allgemeine Freudigkeit war nicht gespielt: „Werden sie in der Schmiede und bei der Schneiderin ihre Lehre machen? Es wäre doch wahrhaft wunderbar, wenn sie ein gutes, brauchbares Handwerk erlernen könnten.“
Dias eigenes Handwerk war nicht immer das brauchbarste. Schön war es, das stand außer Frage. Und wenn sie an die Goldstücke dachte, die ihr der Gnom gegeben hatte, dann war es auch recht lukrativ.
Die Vögel zwitscherten wieder und der Schatten des Baumes wanderte langsam. Das war an für sich gut, denn der Tag neigte sich und auch wenn die direkte Wärme der Sonne Dias blasser Haut schadete, so war es nun weiterhin warm.
Ein wenig fürchtete die Adelige, dass wenn sie Elise in ihre Behausung bitten würde, jene entweder einen Schreck von den zerbrochenen Fenstern davon tragen würde, oder aber mit jenen alltäglichen Kostbarkeiten wie dem edlen Servicebesteck nicht umgehen konnte.
Dia wusste daher, dass die nächste Stunde für heute die letzte der Bekanntschaft sein würde.
Sie griff noch einmal nach dem Kirschsaft, ließ aber die kalten Pfannekuchen liegen. Heute Abend würde Melissa mitsamt ihren treuen Knechten den Rest genießen – es sei denn natürlich, die gute Zofe hatte dazu noch gleich mehrere zum eigenen Vergnügen gebacken, was ihr Dia keineswegs verdenken würde.
„Ich bin Euch sehr dankbar für Euren Besuch“, sagte das Fräulein schließlich, blickte auf und lächelte zaghaft. Sie wusste, dass ihre Worte eine ganz besondere Bedeutung hatten, gerade, weil sie nun die Abgründe aus Elises Leben kannte und dennoch keinerlei Makel an der Frau feststellen konnte: „Ihr seid wahrhaft immer in meiner Behausung willkommen.“
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#20

Elise Heimbruch

Bäuerin
Mensch
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Noch immer haderte Elise damit, den Regungen ihrer zerrütteten Gefühlswelt einfach nachzugeben. In den Gedanken der Bauersfrau schien es mehr denn unangemessen, solch ein Betragen an den Tag zu legen, selbst für eine Gemeine, die zumindest ein wenig Selbstbeherrschung zu üben hatte. Und doch kam sie nicht umhin, trotz aller Tränen eine unbeschreibliche Erleichterung zu verspüren. Gewiss weinte sie nicht zum ersten Male in den letzten Monaten, weit gefehlt, aber obgleich sie sich in Dias Anwesenheit genierte, fühlte sie hier keinen Zwang, die missliebige Empfindung zu verbergen. In der Feste vor den beiden Offizieren aus Gond zu einem Häuflein Elend zusammengefallen zu sein, bereitete ihr jetzt noch einen unbeschreiblichen Schmerz. Diese Stunde hingegen brachte ein kleines Stück Erlösung. Von neuem kam ein sanfter Wind auf, fasste nach dem Saum ihres Kleides und da wich die letzte Pein unendlicher Ruhe.

Die Bäuerin blickte in das wohlgesonnene Antlitz der Bürgerstochter und beinahe glaubte sie, in deren Augen ein leichtes Schimmern zu erkennen. Es blieb nur eine vage Ahnung, wenngleich Elise Dia für einen einzigen Moment im Geiste weitaus näherkam, als es das gestrenge Gesetz ihrer Stände nicht ohnehin schon verbot. Wie in einem Traum bei wachem Verstand sehnte sie die wärmende Umarmung einer wahren Freundin herbei, den Klang des vertrauten Flüsterns einer liebevollen Gefährtin, die ihr schweres Haupt mit feiner Hand von neuem in Zuversicht aufrichtete. Eine Vorstellung, bei weitem zu schön, um wahr zu werden, aller kleinen Wunder zum Trotz, die jener Tag bereits brachte. Elise wagte nicht, zu Ende zu träumen, wonach ihr Herz begehrte, blieb bei sich und faltete in der ihr eigenen Manier die Hände in ihrem Schoß, obwohl ein leichtes Beben ihre Brust erschütterte.

Dias aufrichtiger Dank für ihre Gebete rührte nicht weniger an die Seele der Bäuerin. Der allmächtige Kusor befand sie vielleicht in einer Erinnerung, die sie nicht begriff und welche womöglich nie war, einer Vision für würdig, allerdings machte ein derart rätselhaftes Ereignis die Fürbitten einer armen Sünderin noch lange nicht zu dem Segen einer Heiligen. Ohne das Geringste von alledem zu ahnen, würdigte sie nun die Glaserin in gleicher Weise und Elise ging ein Schauer über den Rücken, der ihr für den Bruchteil einer Sekunde jegliches Gefühl raubte.

Das Rauschen der Blätter bot Halt und die Bauersfrau atmete voll Inbrunst die frische Luft, welche ihre Lungen mit neuem Leben füllte. All die drängenden und bedrückenden Fragen fanden nicht bis an diesen Ort. Hier, in Dias kleiner Oase, verblieben sie mit dem Lärm und Schmutz der Stadt vor einem unscheinbaren Gartentürchen, gebannt durch machtvolle Bäume, die nicht nur Schatten, sondern gleichermaßen Schutz spendeten. Lediglich die Erzählungen der Glaserin drangen durch die wohligen Wogen an ihr Ohr, holten sie zurück an den Holztisch mit seinen erlesenen Speisen. Elise sah hinüber und bemerkte Dias nachdenkliche Miene, während sie sprach. Der Frohsinn wich nicht von ihr und trotzdem trübte ein Anflug von Bedauern die Stimme ihrer Gastgeberin. Erst jetzt begriff die Bauersfrau das im Grunde Offensichtliche. Die Vorstellung, ihre eigenen Kinder in jenem wundervollen Hain herumtollen zu sehen, hatte sie zu sehr vereinnahmt, um das Fehlen einer eigenen Familie an der Seite der Bürgerstochter zu bemerken.

Dia zog es hinsichtlich dieses Umstands vor, in Rätseln zu sprechen, die Gemeine jedoch, welche voll des Mitgefühls an ihren Lippen hing, blieb anlässlich des Eingeständnisses der Gesellin gänzlich ratlos zurück. Jemand wie ihre vornehme Gastgeberin, geradezu vollkommen in jeder nur erdenklichen Form guten Benehmens, von unendlicher Güte und noch dazu gesegnet mit einer Schönheit, die Elise noch immer wortlos machte, fand keinen guten Mann, mit dem sie eine Familie zu gründen imstande war? Der Bäuerin schien es unbegreiflich, zumal die Eltern in einer zweifellos hoch angesehenen Familie umso mehr Wert auf eine angemessene Partie für ihre Tochter legen mussten. Dia machte an diesem Tage zwar nur Andeutungen bezüglich ihrer Vergangenheit, Elise vermutete aber bereits, den Grund für das einsame Leben der Bürgerlichen eben dort finden zu können. Nichtsdestotrotz übte sie sich in Zurückhaltung, vor allem, da sie diese unerfüllte Sehnsucht selbst aus früheren Zeiten kannte, schließlich vergönnte Kusor auch ihr erst in späteren Jahren das Glück einer Mutter. Warum, schoss es ihr unvermittelt durch den Kopf, sollte es bei Dia dann anders sein?

Zugleich malten die Worte des Glasermädchens Visionen einer strahlenden Zukunft, die Elise gar zu sehr verlockten. Weitab von ihrem heimatlichen Dorfe, fern von allen boshaften Nachbarn ein neues Leben zu beginnen, hier in dieser Stadt, glich der Erfüllung aller Wünsche. Ihren Jungen in der hiesigen Schmiede und die Mädchen in einer Aroner Schneiderei zu sehen, ganz nah bei ihrer Mutter, die in der Feste ein Leben in Würde führte, ohne ihre Kinder je erneut in Verlegenheit zu bringen, mehr vermochte Elise von ihrem Schicksal nicht zu fordern. Sicherlich, noch wütete der Krieg in der Fremde und es brauchte bestimmt viele Jahre, ehe sein Ende nahte, dennoch erweckte Dias Voraussicht eine unbeschreibliche Hoffnung in dem Gemüt der Bäuerin.

So zog der Tag langsam über den beiden Frauen dahin und die Sonne, längst weit jenseits ihres Zenits, mochte schon bald ihr rotes Gewand anlegen, um für eine weitere Nacht von den Bewohnern der Stadt zu scheiden. Elise versuchte, jede einzelne Minute in diesem wundersamen Hain auszukosten, aß noch eines der süßen Küchlein, was ihr glücklicherweise deutlich besser gelang denn zuvor und trank voll Genuss von ihrem Kirschsaft, dessen erquickender wie heimeliger Geschmack bis zum letzten Tropfen auf ihrer Zunge tanzte. Die Gemeine wünschte innigst, die Zeit an Dias Seite möge nicht enden, gleichwohl erinnerte sie der nächste Blick in das Gesicht der Glaserin an den nunmehr unvermeidbaren Abschied.

Schwermut und Glückseligkeit rangen um Elises Gemüt, während Dia zu ihr sprach. Die Trauer darüber, das kleine Gärtchen und dieses unberührte Reich der Stille verlassen zu müssen, machte jeden einzelnen Atemzug schwer. Und zugleich erweckte die überschwängliche Freude der Bürgerstochter über den Besuch einer zerlumpten Bauernmagd eine Geborgenheit, die Elise fast schon vergessen glaubte. Dachte sie nun die feine Sprache und vollendete Gestik Dias hinweg, unterschied sich im Grunde nichts von den Abendgrüßen, die sie früher mit Ilenia austauschte, vor langer Zeit in einem anderen Leben. Natürlich würde es zwischen der Gesellin und ihr weder eine innige Umarmung noch einige freundschaftliche Küsse auf die Wange geben. Dergleichen war indes nicht nötig, um die Nähe ihrer neuen Freundin zu spüren. Nein, Elise genügte es, Dias Frohsinn geteilt haben zu dürfen. Mit dieser Überzeugung stand sie langsam auf und verbeugte sich in tiefster Demut.

„Und ich dank Euch von Herzen, Fräulein Dia“, flüsterte sie. „Dies wundervolle Mahl und Eure Freundlichkeit werd ich nie vergessen. Mög Euch der Allmächtige dafür segnen.“

Die Bauersfrau hob ihren Kopf. Der Hauch eines Lächelns lag auf ihren Lippen.

„Es wär mir eine Ehre, irgendwann einmal wiederzukommen. Und ich mein, wer weiß, vielleicht erfüllt sich ja, wovon ihr spracht und meine Kinder können eines Tages in Aron zu Ende lernen. Ich würd mich freuen, sie Euch vorzustellen. Sollt die Zeit kommen, vergess ich es nicht. Ihr habt mein Wort.“

Elise atmete erst tief ein und überlegte dann. Im Grunde stand es ihr nicht an, noch mehr zu sagen. Sie hatte ihre Ergebenheit bekundet und stand nun in der Pflicht, in aller Stille den Heimweg anzutreten. Eine einzige Sache aber bewegte sie dazu, zaudernd dazustehen und verlegen an den Ärmeln ihres Kleides herumzuspielen. Die Angst, zum Schluss vielleicht noch etwas Unangebrachtes zum Ausdruck zu bringen, ließ ihre Fingerspitzen zittern, doch das Verlangen, ein letztes bescheidenes Anliegen kundzutun, erwies sich als stärker. Ihre Familie in Dias Garten zu führen, wäre erst in ferner Zukunft möglich, dies wusste Eise. Dafür gab es anderes, das vielleicht schon baldigst wahr werden konnte.

„Wenn es Euch gefällt, könntet Ihr mich auch gern in der Feste besuchen. Also, falls Ihr mögt.“

Die Spitze von Elises linkem Stulpenstiefel begann unmerklich damit, nervös auf und ab zu wippen. Ihre Schultern wogten unstet von einer Seite auf die andere.

„Eigentlich ist’s mir nicht erlaubt, jemanden auf meiner Kammer zu empfangen. Solches wär unziemlich, Ihr versteht das sicher“, brachte sie zögerlich hervor, um gleich darauf hektisch fortzufahren. „Trotzdem könnt ich Euch ein wenig im Hof herumführen. Die Kapelle dürften wir ebenfalls besichtigen oder den Palas. Es gibt dort wundervoll verzierte Fenster, die würden Euch bestimmt gefallen.“

Zum Schluss blinzelte sie zaghaft.

„Es ist nur ein Gedanke.“
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