Die Kanalisation
#11
[Bild: ratling.jpg]

»Das war einer der Diener der Herrin der Tiefe,« erklärte zischelnd der bepelzte Schamane, während sein nervöser Blick immer noch ungläubig auf den unter dem trüben Fluten glimmenden Bannkreis schielte.
»Sie kommen nur sehr selten in die höheren Tunnel. Und wenn man sie nicht behelligt, verschwinden sie auch genauso geräuschlos wieder. Woher sie kommen, und wo die Zugänge in die Tiefe sein könnten, weiß wenn nur Achotosh.«
Der gebeugte Rattling seufzte. »Aber vor kurzem drangen Leuchtende in unsere Höhlen und vertrieben uns aus unseren alten Revier. Es sind ebenso Falschwesen ohne Leben in sich. Sie jagen aber in den oberen Gebieten und auf der Oberfläche. Menschlinge, Rattlinge, Tiere werden ohne erkennbares Ziel von ihnen angefallen.«

Stadtwache Aron

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»Bei den Göttern,« murmelte Broudi, als er im Geiste Stück für Stück die wenigen Puzzlesteinchen zusammensetze, die sich vor ihm materialisierten. »In was für ein Wespennest haben wir hier gepikst.« Und auf was für einem Vulkan leben wir arglos da oben unter der Sonne. »« Broudi war ein unerbittlicher Jäger. Aber einer, der die Geduld mitbrachte seine Beute vorher genau zu studieren und dann unerbittlich die Spuren zu verfolgen. Nicht selten geriet er darüber mit seinen Vorgesetzten aneinander, die auf Gehorsam und schnellen Ergebnisse pochten. Und Broudi wurde immer klarer, dass er einfach zu wenig über die Welt hier unten wusste. Und ein erfolgreicher Jäger sollte seiner Beute keine Art von Vorsprung lassen.

»Männer! Sammeln!« befahl er knapp und wandte sich dann an den Schamanen. »Habt Ihr einen Ort, einen trockenen Ort, an dem Ihr mir in Ruhe alles über die Machtverhältnisse in dieser unteren Welt erzählen könnt?« wies er den Schamanen an. Der alte Rattling war noch dermaßen überrumpelt, das er sich zunächst garnicht daran störte von einem Menschling -noch dazu in Unterzahl- Befehle entgegen zu nehmen. »Und Euch - Meister Isenheim - möchte ich bitten, bei bedarf die Erläuterungen des Weisen -ähm- Wesens hier mit eurem profunden Wissen zu ergänzen.«

Während der Schamane sie brabbelnd durch die dunklen Tunnel der Kanalisation führte, trottete Broudi schweigend und tief in Gedanken versunken hinter ihm her. Wenn er jetzt in Ruhe die beiden Begegnungen analysierte, erkannte er immer mehr Unterschiede, zwischen den grausig von innen heraus leuchtenden toten Mädchen und dem untoten Krieger, dem sie vorhin gegenüber standen. »Es gibt wohl viel mehr von ihnen. Und wie passt der auffällige Weg *unseres* dunklen Nekromanten und dieser Feldenbach da hinein.«

Die Grübeleien des Sergeanten wurden unterbrochen, als ihr Weg in ein größeres Gewölbe führte. Flackernde, ölig rauchende Feuer glommen durch zahlreiche kleine Löcher, die sich in die größere Haupthalle öffneten. Nervöses Wispern und Zischeln begrüßte die Neuankömmlinge und zahlreiche glimmende Augenpaare aus dem Halbdunkel verfolgten ihre Schritte.

Der Rattlingschamane führte sie zu einer dieser kleinen Seitenhöhlen. Sergeant Broudi befahl Django draußen vor dem Eingang Wache zu halten. Eine vorteilhafte Maßnahme, da in dem kleinen Seitenraum selbst der gebeugte Rattling sich noch weiter ducken musste und die verbliebenen vier Leute des Suchtrupps kaum ausreichend Platz fanden. Die Wände des Gemachs waren mit Knochen und kruden Malereien verziert. Sie und die ungegerbten Fälle stanken entsprechend. zumindest war es hier aber trocken. Der alte Rattling bedeutete seinen Gästen sich zu setzen, während er eine offene Tranfunzel und eine fleckige Flasche herbei holte, die er verschwörerisch öffnete. Genüsslich schnüffelte er daran, nahm einen tiefen Schluck daraus und reichte unter heftigem Husten die Flasche an den jungen Korporal weiter. Angewidert schnüffelte er daran und blickte hilfesuchend zu seinem Vorgesetzen. Als der Schamane kurz wegblickte, reichte er ohne zu trinken die Flasche schnell an den Zwerg weiter und imitierte ein recht falsch klingendes Husten.
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#12

Meister Belfour Isenheim

Runenkünstler
Zwerg
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Belfour war nicht von Grund aus neugierig. Nicht so wie andere, die unbedingt jedem Hinweis folgen mussten und jede kleine Andeutung zur Grundlage einer gigantischen Geschichte nahmen. Er war viel mehr interessiert – und manchmal trafen Worte sein Interesse und manchmal nicht. Die Lichtgestalten gehörten eindeutig dazu. Der Rattling konnte seinen durchdringenden Blick nicht sehen, wohl aber spüren. Von unten kam der Blick des Magiers, an seinen Stab gelehnt, schwer atmend, aber ruhig. Der Zwerg bemerkte zweierlei und beide Gedanken waren in sich beunruhigend. Erstens gab es hier Wesen, Ungeheuer, wie aus einer richtigen Erzählung des großen Heldenepos über Dorolim, der so ziemlich jede Kreatur in einem unfairen Kampf geschlagen hatte. Zweitens hatte der Rattlings-Clanführer die Zwerge nicht erwähnt. Wenn er seinem Volk hier beim Untertagebau noch nicht begegnet war, wie sollte Belfour sich dann eine solche Begegnung vorstellen?
Er überflog die eher zerrüttet wirkende Schar schlechtbewaffneter, aber zahlenmäßig starker Humanoiden. Es würde ein zäher Kampf werden, wenn die beiden unterschiedlichen Völker nicht einen Kompromiss fanden. Aber die Äxte der Zwerge waren scharf und die Dickschädel unnachgiebig. Belfour beschloss genauso gut das Geheimnis dieser himmlischen, großartig gebauten Oper zu bewahren, wie er das seiner anderen Schätze tat. Solange wie der Frieden in den unteren Hallen wehrte, solange sollte er stillschweigen wahren.

Die Leuchtenden. Der Zwerg erinnerte sich an die schabenden Hände, an die unwirklichen Laute und an das herabgleiten einer Axt, die dem Spuk ein Ende bereitet hatte. Die Geschichte hatte er bereits dem Sergeant erzählt und so bemerkte er nur mit einem kurzen Blick, wie eben dieser grübelte. Und schon hatte er eine Bitte ausgesprochen, der Belfour kaum bis gar nicht nachgehen würde. Die Machtverhältnisse unterhalb der Erde hatte diesen Menschen genauso sehr zu interessieren, wie der Ursprung der Kanalisation und dessen, was darinnen schwamm. Aber vielleicht konnte er doch einiges erfahren – auch wenn der friedliebende Zwerg sich für einen Moment fragte, ob Nichtwissen nicht ein höheres Gut wäre.

Mit kleinen, aber vielen Schritten folgte Belfour Broudi und hörte ihn leise wispern. Über die Untoten und…. – den Feldenbach? Belfours Auftraggeber? Besser gesagt, dem Goldgeber? Seinem langjährigen Schachfreund? Der Magier erinnerte sich gut daran, dass der Sergeant öfter von ihm gesprochen hatte. Immer abfällig, nachdenklich. Der Zwerg blickte noch einmal zurück zu der großen Halle, die sie nun verließen und überlegte sich, ob er ein gutes Wort für Alexander einlegen sollte. Schließlich entschied er sich dagegen. Er war einerseits zu loyal, um überhaupt hören zu können, was der Soldat vortrug, andererseits durfte er nicht vergessen, dass diese Menschen in uniformierter Rüstung den Grafen mitsamt seinen Ungehörigkeiten vertraten. Und weder der Feldenbach noch er noch die sonstigen üblichen Eingeladenen hatten an der Politik seiner Exellenz kein gutes Haar gelassen. Nein, Belfours Mission war es den Dunkelelfen zu finden, ihn zur Strecke zu bringen und dann dafür zu sorgen, dass hier unten nichts geschah: „Wenn diese verhexten Kreaturen tatsächlich von dem Dunkelelfen ausgehen, so wird seine Vernichtung zur sofortigen Auslöschung dieser Heimsuchung führen“, sagte er, ein wenig lauter.

Die stickende Höhle stank anders als die stickende Grotte vorher oder die stickende Kanalisation davor. Belfour ignorierte einfach seinen Sinn für Geruch und zwängte sich mit den anderen hinein. Die Felle kitzelten ihn an den Händen, der Magierstab schien fast an die Decke zu stoßen. Als der Rattling nach seiner Flasche griff, studierte Belfour ein wenig abgelenkt die Felllinien und den kahlen Rattenschwanz. Letzterer hatte eine überaus große Faszination auf den Zwergen und er überlegte sich, wie wohl die Runen für einen großen Rattenzwerg aussehen würde. Mit Schwanz.
Ein Grinsen überzog sein sonst so starres Gesicht, als Korporal den Trunk verweigerte. Kameradschaftlich – und vor allem zwergisch – stieß Belfour ihn in die Seite und griff dann selbst danach. Er machte nicht den Fehler daran zu riechen. Stattdessen nahm er zwei gut portionierte Schlücke und versuchte das kurze Beben in seinen Gliedern zu unterdrücken. Was auch immer es war, es brannte in seiner Kehle nach schien sie von innen zerfetzen zu wollen. Der Zwerg verzog keine Miene, maste sich ein hinterhältiges Lächeln an und reichte den Trunk weiter an den Sergeant. Sterbenskrank wurde er hoffentlich nicht von dem Zeug. Keine Rune seines Stabes glänzte. Schien ungefährlich zu sein.
„Jetzt bin ich gespannt“, polterte Belfour ein wenig lauter als er es normalerweise war: „Du sprachst gerade von der Herrin der Tiefe. Ich dachte, dass wir einen männlichen Dunkelelfen jagen? Gibt es da unten etwa eine ganze Brut?“
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