Der Magierturm
#61

George A. Hougenoord

oberster Archivar
Halbelf
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»Vernichtet?!« Die Momente, an denen man den alten Archivar derart erregt sehen konnte, waren selten. »Wie oft predige ich meinen Novizen auch Skizzen und Notizen gut aufzubewahren und sich alsbald einen Lehrling zu nehmen, der Abschriften anfertigt.« Hilflos streckte er die Hände nach oben und seufzte. »Man müsste in der Zeit zurück und...« hastig bremste er sich in seinem Eifer. »Nein nein, George werde nicht kindisch. Vielleicht ist es manchmal besser, wenn manche Bücher nicht vollendet werden.« Der alte Archivar grinste etwas. »So ein Keller hat aber auch manchmal seine Vorteile. Ein paar Klafter Stein drum herum können einiges draußen halten. Oder drinnen...«

Er blickte nochmals nach draußen. »Die Literatur mit denen sich der ... Kastellan, « George konnte sich immer noch nicht so recht daran gewöhnen, »beschäftigt und bei mir nachfragt gibt Grund zur Besorgnis.« Besorgt lauschte er den weiteren Worten seines Kollegen. »Forcierte Besessenheit. Meister Sarnalidas, mit was für Abgründen beschäftigt Ihr Euch da?« Hektisch verputzte der alte Archivar noch ein Nusstörtchen, dass ihn aber auch nicht so recht zu beruhigen vermochte. »Ein paar Grundwerke habe ich in meinem Giftschrank. ’Deditio Larvae’, ’Vom düster Weysen des Inners’ und ein paar andere. Seltsam. Der alte Mann aus dem Wald hatte mich letztens auch danach gefragt. Wegen eines Mädchens, dass seinen Geist umherschickte oder so ähnlich. Können sich die Leute nicht einfach wie früher mit Feuerbällen, Fliegen und Gold erschaffen beschäftigen. Hat uns damals auch gereicht. Nein es muss dieses esoterische Zeug sein, das mehr Probleme macht als Nutzen.«

Hougenoord blickte Sarnalidas streng an. »Was mir zu Ohren gekommen ist, ist dass unser verehrter neue Kastellan viele Beziehungen, Gefallen und Gedungene Schergen verheizt hat, um seltene und gefährliche Werke dieses Themas an sich zu bringen. Ich könnte mir vorstellen, dass in seiner Privatbibliothek inzwischen das ein oder andere dazu zu finden ist.« George seufzte noch einmal. »Sarnalidas, Sarnalidas... es gibt Dinge, mit denen sollte sich ein sterblicher Geist nicht beschäftigen...’Kreativer Freiraum'... Ich weiss nicht... ich weiss nicht...« George biss in noch ein Törtchen. »Aber was habt ihr sonst in der ganzen Zeit getrieben, ausser dunklen Mächten nachzuspüren? Da war doch damals diese junge Novizin die unbedingt bei ich in die Lehre wollte.« Er zwinkerte schelmisch. »Was ist aus der geworden? Na wie hieß sie noch... Moment ich hab es gleich..«
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#62

Meister Sarnalidas

Magier
Mensch
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"Ich gebe euch recht. Unter normalen Umständen, hätte ich gewisse Sicherheitsvorkehrungen getroffen, aber so wie ihr meint bestimmte Bücher sollten nicht vollendet werden, so waren es die falschen Hände, denen ich entgehen wollte und so bleibt das Wissen nun meinem Gedächtnis vorbehalten." Sarnalidas nickte dem alten Halbelfen zustimmend zu. "Ja unsere Welt ist im ständigen Wandel nur scheint es immer nur schlechter zu werden. Wenn ihr so freundlich wäret, mir bei Zeiten einen Blick in eureExemplare zu erlauben, wäre ich euch sehr dankbar. Es muss ja nicht jetzt sofort sein. Es wird mich auch etwas Zeit kosten euch als Entschädigung diesen Thumanthia zu besorgen, den ich vor einigen Jahren bei einem Bekannten entdeckt habe. So wie ich die Weinkenner Arans in Erinnerung habe, werden sie keine der drei Flaschen bisher erworben haben. Ihr trinkt doch noch einen Tropfen in ehren?" Sarnalidas lächelte als ihm scheinbar plötzlich etwas einfiel und er ernster wurde. "Ach jetzt hätte ich beinahe die wichtigste Frage vergessen. Seid ihr bekannt mit dem Zauber, den man den 'Gleichmacher' getauft hat? Die Elfen nennen ihn 'Schatten der Finsternis'. Ich hörte, man kann die stärksten Kreaturen damit bändigen. Ich fürchte die Recherche könnte sehr wichtig werden um sicherzustellen, dass es wirklich keinen Ausweg aus diesem Bann gibt. Andererseit wart ihr es meines Erachtens, der mir einmal gesagt hat, dass euch noch kein Zauber untergekommen ist, der nicht abzuwenden ist.

"Eine Novizin? Seit ihr sicher, dass ihr mich nicht verwechselt?" Sarnalidas erwiderte dem Blick des Halbelfen ernst, ein wenig zu ernst. "Naja Überwachter Freiraum, wie der Ausgang im Kasernenkerker. Vielleicht sollte jemand, der nicht direkt zur Synode gehört und ihr doch verbunden ist, ein Auge auf de Freiherren halten. Ein Fremder vielleicht, oder jemand an den sich nur wenige erinnern?" Er tat als müsse er überlegen, wer dieser Fremde sein könnte. Hougenoord war also auch der Meinung, dass von Steiner mögliche Antworten auf Sarnalidas Probleme hatte. Und es schien wirklich angebracht zu sein, den neuen Kastellan etwas gründlicher ins Auge zu nehmen.
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#63

George A. Hougenoord

oberster Archivar
Halbelf
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»Gewiss. Wahrscheinlich verwechsel ich alter Mann da ein wenig,« grinste Hougenoord mit einem Zwinkern, lies das Thema besagter Novizin aber auch ruhen.
»Nein, nein. Alles wandelt sich. Aber es wird nicht nur alles schlechter. Vieles wird nur einfach anders. Und die Veränderung scheint uns alten Säcken als unnötige Anstrengung, die das liebgewonnene Gewohnte in Frage stellt.« Der alte Bibliothekar lächelte milde. »Ihr müsst mich hierfür nicht um Erlaubnis fragen. Als Magier des Turms stehen Euch die Werke, die ich verwahre zur Verfügung.« Das Lächeln steigerte sich ins Spitzbübische. »Ihr dürft mich allerdings höflichst ersuchen, den Ort zu nennen, an dem die Werke vor den unachtsamen Blicken der Novizen verräumt sind zu fragen. Das könnte Euch wertvolle Zeit des sinnlosen Suchens ersparen.«

Die buschigen Augenbrauen Georges hoben sich. »Oha. Ihr versteht es wirklich meisterhaft, die Gunst eines alten Mannes zu erringen. Meisterin Eriana tadelt mich zwar immer, dass ich mehr auf meine Ernährung achten sollte, aber es wäre eine Sünde die Gelegenheit verstreichen zu lassen so einen Tropfen kosten zu können.« Verschwörerisch beugte er sich vor. »Gang drei, Abschnitt f. Die Werke sind unter einer Illusion ’Erweiterte Buchahltung nach Gröge’. Keiner würde da unabsichtlich oder gar freiwillig einen Blick herein werfen. Schon gar nicht die Novizen.«

Die gelöste Stimmung des alten Archivars wurde schlagartig ernst. »Meister Sarnalidas! Ihr begebt Euch wirklich auf seltsame Pfade.Der Gleichmacher! Blitterdreck! Das ist eine Aufrufung, die niemand alleine zu stemmen vermag. Es braucht einen Zirkel von mindestens 5 Thaumathurgen. Von dener keiner Zweifeln darf oder sich Schwächen erlauben darf. Das ist eine Barriere, die enorme Kraft braucht um überwunden zu werden. Und ja, diesen Lehrsatz wiederhole ich immer wieder. Keine Macht kann so groß sein, als dass sie von einer anderen Macht nicht gebrochen werden kann. Man kann es schwierig machen, aber ein absolutes Unmöglich ist nicht zu schaffen. Ihr könnt einen Kristall soviel Härte geben wie ihr vermögt. Mit der rechten Kraft am rechten Ort wird er springen. Und eine Weide, die sich der Gewalt des Sturmes biegt, wird auch brechen, wenn ihre sie zu weit gebogen wird.«

George wischte sich den Schweiss von der Stirn.
»Aber derartiges Wissen werde ich nicht aus der Hand geben, ohne zu erfahren, zu welchen Zwecke es dienen soll. Und erst recht wenn dazu die Maestra davon erstmal keine Kenntnis erlangen sollte.« Er musterte Sarnalidas streng. »Es würde mich wundern, wenn ihr dieses Ansinnen nicht gleich nachgeschoben hättet.«

»Vielleicht sollte wirklich jemand ein Auge auf ihn haben. Oh wie ich diese zeitraubenden Intrigenspielchen hasse...« George grübelte. »Jemand fähiges sollte es schon sein, aber so eine Aufgabe möchte man ja ungern jemanden antun, den man gerne hat. Jemand entbehrlichen - Bei den Göttern. Wie ich mich schon anhöre... Furchtbar.«

George Hougenoord blickte noch einmal streng. »Auf jeden Fall sollte niemand mit dem gefährlichen Wissen über den Gleichmacher sich in die Hände des neuen Kastellans begeben.«
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#64

Simon Avenar

Lehrmagier im Magierturm zu Aron
Mensch
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Der Magier saß im Schneidersitz auf dem Boden. Die Kerzen hatte er gelöscht und durch die Lamellen der geschlossenen Fensterläden drang das gedämpfte Licht des anbrechenden Abends. Es beleuchtete das kleine Zimmer des Kampfmagiers.
Auf einem schlichen Boden aus Holzdielen standen ein Bett, ein kleiner Sekretär und ein Stuhl.
Leise raschelte ein kleiner Haufen Pergamentrollen in einem Lufthauch der zwischen den Holzlamellen hindurchwehte. Er hatte beinahe einen ganzen Tag benötigt um seine Eindrücke aus den Ruinen der Zwerge niederzuschreiben. Und morgen würde er sie dem Bibliothekar Hougenoord übergeben.
Doch nun wollte er sich etwas Zeit für sich selbst gönnen. In den letzten Tagen hatte sich eine Aufgabe an die Nächste gereiht und der Magier hatte kaum einen Moment zum verschnaufen gehabt. Umso wichtiger war es für ihn zumindest ein paar Stunden nur mit dem zu füllen was ihm gut tat. Langsam und bewusst schloss er die Augen ließ seinen Geist schweifen.
Er dachte an die großen Weizenfelder Gonds, die endlose Sandwüste in Silas und die dichten Wälder Amiriths. Gleichzeitig entspannte sich der Magier mehr und mehr.


Vorsichtig öffnete Simon die Tür und trat hinaus in den Regen. Es war eine willkommene Abwechslung nach der langen Übungsstunde mit Luran. Seine Schultern schmerzten und seine Handflächen brannten von den Übungen.
Doch er hatte auch deutliche Fortschritte gemacht und war dafür gelobt worden. Laut seinem Meister war das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist wichtig. Dementsprechend abwechslungsreich war seine Ausbildung. Einen langen Moment stand er nur da und genoss die kühlen Tropfen. Dann lief er los. Sein heutiges Ziel war der Marktplatz. Wenn er über den nördlichen Stadtteil lief und dann einen Bogen über den Westen der Stadt schlug, würde er eine gute Stunde für die Strecke brauchen.

Der junge Mann bog gerade in eine andere Straße ein, als er verwundert stehen blieb. Gerade hatte eine Gruppe Soldaten aus Gond seinen Weg gekreuzt. Die gerüsteten Zerrten einen Mann mit sich der sich heftig wehrte. Ein aussichtsloses Unterfangen, welches von einem der Legionäre mit einem Schlag gegen die Schläfe des bedauernswerten Mannes beendet wurde. Der junge Adept wunderte sich. Seit wann war die Legion in Aron und seit wann übernahmen sie die Aufgabe der Stadtwache?

Vorsichtig und mit gebührendem Abstand folgte der in braune Leinenhosen und ein luftiges graues Leinenhemd gekleidete Adept. Er wollte sehen was diese Soldaten mit jenem Mann machten. Und warum sie taten was sie taten.
Über die verwinkelten Gassen des südlichen Stadtteils brachten die Männer ihren Gefangenen zu den Stadttoren. Sie verließen mit ihm die Stadt, jedoch war ihr Ziel nicht weit entfernt. Bei einem der Bäume an Wegesrand machten sie halt. Die Wachen wirkten geübt in ihrem Tun. Während einer den Gefangenen fesselte, knüpfte der nächste eine Schlinge. Der dritte Legionär ritzte etwas in eine tönerne Tafel ein und fädelte eine Schnur durch Löcher an den Ecken der Tontafel.
Dann ging alles schnell. Ohne viel Federlesens warf der Legionär der die Schlinge geknüpft hatte das Lange Seil über einen hoch wachsenden Ast. Die Schlinge wurde dem immer noch bewusstlosen Gefangenen über den Kopf gelegt. Nachdem der dritte Legionär die Schnur mit der Tafel um den Hals des Mannes gebunden hatte, zogen zwei seiner Kameraden den gefesselten Mann nach oben. Entsetzt beobachtete der angehende Magier wie der Körper des Mannes nach Luft rang und vergeblich versuchte gegen sein Ende anzukämpfen. Nachdem sie das ende des Seils am Baum selbst festgebunden hatten trat einer der Soldaten vor den sterbenden. Er umfasste die Hüfte des Mannes und ließ sich fallen. So verkürzte er das Leiden des Mannes und machte eine Rettung des Mannes zunichte.
„Warum tut ihr so etwas?“, fragte der schockierte Adept als die Soldaten an ihm vorbei zum Tor gingen. „Warum musste dieser Mann sterben?“
„Ließ, Junge! Dann weißt du warum.“ Mehr antworten erhielt er nicht von den Legionären.
Langsam, ja beinahe zögerlich trat Simon an den Toten heran und richtete seinen Blick auf die Tontafel um den Hals des Mannes. Dabei vermied er dem Gehängten ins Gesicht zu blicken. Kollaborateur, las der Adept und blickte die Straße entlang. Am nächsten Baum hing auch wieder ein Mann. Und am nächsten und an dem darauffolgenden auch. Galgenbäume so weit sein Blick reichte. Er schauderte und die Härchen an seinen Armen stellte sich auf. Grässlich, dachte der Junge und wandte den Blick ab.
Ohne einen weiteren Blick zurück rannte er wieder in die Stadt.

Er hatte nicht auf seinen Weg geachtet und war nur gerannt. Der junge Adept versuchte das gesehene weit von sich zu schieben, doch es schien ihm nicht so recht zu gelingen. Dafür gelang es ihm aber ausgezeichnet einen Karren mit Feldfrüchten zu übersehen. Abrupt abgebremst landete Simon auf seinem Hintern.
Langsam und über seine eigene Dummheit fluchend erhob er sich wieder und schlenderte zu der nicht weit entfernten Handelsgilde. Vor einer Bank vor dem Gebäude setzte er sich und seufzte schwer.

Lange saß der Junge so da, bis ein Gerüsteter das Gebäude der Handelsgilde verließ. Neugierig beobachtete er den Mann dessen eine Hälfte Gabriel war. Die andere Seite hatte die Erzmagierin aus lebendigem Stein erschaffen. Es sah so aus, als hätte man den Hauptmann einmal entlang der Längsachse geteilt und dann die rechte Seite durch eine lebensgetreue Abbildung aus schneeweißem Stein ersetzt.
Simon rief dem Hauptmann ein fröhliches Hallo zu und dieser erhob die linke Hand zum Gruß und lächelte einseitig.

Der angehende Magier blieb noch eine ganze Weile auf dem Bänkchen sitzen und genoss die Ruhe. Er mied den Gedanken an die ganzen Toten vor dem Stadttor. Nun da er sich wieder beruhigt hatte, verstand er selbst nicht mehr warum er so panisch reagiert hatte. Gesetze waren da um sie durchzusetzen. Und wer sie brach nahm willentlich die Konsequenzen in Kauf. Und so musste es denjenigen auch nicht verwundern, wenn er an einem Baum am Wegesrand endete.
Sich selbst beipflichtend erhob sich Simon und schlenderte in Richtung des Marktplatzes davon. Er hatte es aufgegeben seine Übungen heute noch zu beenden. Er wäre nicht bei der Sache und so brachte das ganze auch nichts.

Gemütlich schlenderte der Adept über den Markt und besah sich mit großen Augen alle möglichen Dinge. Vor dem Stand an dem er gerade stand bot ein Rüstungsschmied einige Teile zum instandsetzen von Rüstungen an. Es gab auch einige Gürtelfibeln und einige Tinkturen zum Brünnieren von Rüstungsteilen. Der Blickfang war aber eine Elfenrüstung.
Sie sah so leicht aus und sollte dennoch einem Pfeil aus einem Langbogen widerstehen. Als er den Schmied zu der Rüstung ausfragte, bekam er so langatmige Antworten dass sein Interesse sehr schnell schwand.
An einem Gewürzstand hatte er sich ein wenig zu weit vorgebeugt um am Feuerroten Paprikapulver zu schnuppern. Ein versehentlicher Stoß eines unachtsamen Kindes reichte damit er mit dem Gesicht in den ordentlich aufgehäuften Kegel stieß. Entgegen seiner Befürchtungen schimpfte ihn der Händler nicht aus, sondern lachte laut auf als Simon ihn anblickte. Offensichtlich hatte er ein sehr überraschtes und schockiertes Gesicht gemacht. Dennoch beschloss er sein Glück nicht zu strapazieren, also entfernte er sich schnellstmöglich.
Nachdem er sich das Gewürz vom Gesicht gewischt hatte, kaufte sich Simon einen Kandierten Apfel und suchte sich einen Platz auf einer Kiste. Sitzend verspeiste er das Karamellisierte Obst.

Seine Aufmerksamkeit wurde von einigen wütenden Rufen, davoneilenden Menschen und dem Klirren von Stahl in eine bestimmte Richtung gelenkt. Von seiner leicht erhöhten Position konnte der Junge sehen was sich ereignete.
Der Hauptmann der Wache und der gondsche General kämpften miteinander. Rhionaan ip Eltan vermutete dass dieser Konflikt darauf zurückzuführen sei, dass nicht nur der Körper Gabriels geteilt worden war. Laut ihrer Erklärung bildete der Eine ein Paradoxon für den jeweils Anderen. Deshalb gerieten sie so oft aneinander.
Doch diesmal war etwas anders. Normalerweise gingen die Kämpfe dieses Wesens immer unentschieden aus.
Der Hauptmann der Stadtwache strauchelte und der General wollte dieses Missgeschick ausnutzen. Der Hauptmann griff sich einen herumstehenden Besen und schaffte es dem General die Füße wegzuziehen. Behände rollte sich der Wächter herum und schaffte es dem General das Schwert in die fleischliche Brust zu rammen.
Ein Schrei erklang und eine Legionärin eilte zu dem sterbenden General. Neben ihm sank sie auf die Knie und versuchte die Verletzung zu behandeln.
Währenddessen erhob sich der Hauptmann der Wache und klopfte sich den Staub ab. Routiniert gab er Befehle an einige Untergebene. Simons Aufmerksamkeit galt jedoch der Legionärin. Sie hatte es mittlerweile aufgegeben den General am Leben halten zu wollen. Still weinend begleitete sie die letzten Augenblicke im Leben des Mannes der ihr anscheinend viel bedeutet hatte.

Nachdem der Mann gestorben war griff die Legionärin nach einem Holzstab und erhob sich mit geröteten Augen. Langsam ging sie in die Richtung der Stadtwachen. Etwas in ihrem Blick jagte dem Adepten eine unsagbare Furcht ein. Er wusste nichts über diese Frau. Doch er wollte ihr unter keinen Umständen näher kommen.
Ein Wächter der versuchte die Legionärin aufzuhalten verlor erst eine Hand und wenige Augenblicke später seinen Kopf. Auch wenn er Angst vor dieser Frau hatte, diese ungewöhnliche Waffe weckte seine Neugierde.
Die Legionärin wirkte keinesfalls aufgebracht, wütend, oder trauernd. Vielmehr entschlossen und bereit ihr Vorhaben bis zur letzten Konsequenz durchzuführen.

Nachdem der enthauptete Wächter umgekippt war und der Hauptmann sich umdrehte, sprintete die Legionärin los. Sie rammte den Hauptmann mit der Schulter und brachte ihn so ins Taumeln. Mit einer anmutigen Bewegung durchtrennte sie Muskeln, sehnen und Knochen. Der Hauptmann stürzte und hielt sich den nutzlos herabhängenden Arm. Die Legionärin wich einem Wächter aus und hieb ihm mit dem Schwert auf den Hinterkopf. In der gleichen Bewegung führte sie die Klinge gegen den ungeschützten Hals des Hauptmannes. Der Schnitt war meisterlich geführt. Genauso Meisterlich wie der Schuss eines Wächters, der das Leben der Legionärin beenden würde. Als die Frau fiel verschwamm der Blick des Jungen.


Der Kampfmagier atmete langsam ein und wieder aus. Die Bilder die er gesehen hatte waren seltsam. Doch die Botschaft war klar. Nun konnte er endlich den Finger auf diese unbestimmte Sorge legen. Diese Tatsache beruhigte den Magier auch. Das weitere Vorgehen war nun klar. Aber er musste nichts überstürzen. Es war nicht nötig sofort Maßnahmen zu ergreifen.
Wahrscheinlich würde bereits ein simples Gespräch dieses Problem aus der Welt schaffen. Und er wollte ohnehin mit diesem Gabriel sprechen. Es passte also gut zusammen.
Wieder schloss der Magier die Augen. Diesmal versank er jedoch nicht in einer Trance.
Nach wenigen Augenblicken lächelte er, öffnete die Augen und war dann verschwunden.
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#65

Meister Belfour Isenheim

Runenkünstler
Zwerg
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Hoch bahnte sich der Turm der Magiergilde über ihm auf. Belfour rückte seinen langen Mantel zurecht und hörte stolz das Klopfen seines langen Stabs, dessen Stamm von allerlei Runen geziert war – die Hälfte davon selbst von dem Magier selbst nicht verstanden. Die Gilde barg einen Hauch von Heimat dem sonst so eigenbrötlerischen Zwerg schon beim Eintritt besänftigte. Es war früher Morgen und die Gänge noch recht leer. Aus Gründen, die dem Kleinwüchsigen nicht einfielen, waren die meisten Magier meist bis tief in die Nacht wach, als würde der Mondschein ihre Kräfte beflügeln. Dementsprechend leer war es nun. Er selbst hatte natürlich jede Form von Zeit genau dann verloren, als er wieder in seine Höhle eingekehrt war, in dem unterirdischen Strom gebadet hatte und die Kleidung der Clanmutter zum Waschen anvertraut hatte. Ein gewagter Schritt, der ihn mehr oder weniger zum Sohn des Aroner Clans machte.
Nun stand er an der Pforte und grüßte die Wachen nahezu abwesend. Ihre Namen vertauschte er, aber die Elfen waren zu besonnen, um den Zwerg auf seinen Fehler hinzuweisen. Mit seinem Irokesenschnitt und dem Zwei-Belfour-großen Stab wirkte er nicht wie jemand, der gerne einen witzigen Kommentar über sich hörte.
In seiner rechten Hand hielt er ein Stück Pergament. Gefaltet, bis es kaum mehr zu sehen war, enthielt es drei Runen. Eine für Dunkelelf, eine für Licht bezieungsweise Leuchten und eine für die uralte Sprache, die der Bandagenmann gesprochen hatte.
Belfour hatte genügend Felder zum Erforschen gefunden und er war sich sicher, dass wenn er einen Elfen bitten würde, ihm zu helfen, er erst in einhundert Jahren fertig werden würde.
Viel wichtiger war es ihm, Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. Welche der drei Felder erschienen ihm am Bedeutensten?
Die Dunkelelfen mochten weitaus gut erforscht sein. Als dauernde Gefahr und zwielichtige Gesellen hatte gewiss der ein oder andere Lehrling oder Meister eine genaue Skizze ihrer Lebensformen, ihrer Schwächen und Stärken angefertigt. Hier würde er gewiss von der Häufigkeit der Dokumente benebelt werden, hier würde er gewiss so viele Informationen finden, dass er kaum sortieren konnte, was wichtig und was unwichtig war.
Der alte Tiefendialekt und ihre Magie erschien ihm da ein wichtigerer Hinweis zu sein. Sie könnte die Kraft erklären, könnte erklären, wie lange jene Nekromanten schon ihr Unwesen trieben, woher sie kommen und worauf genau er zu achten hatte.
Doch als er noch immer tief in Gedanken vor dem obersten Archivar Hougenoord stand, hörte er seine Stimme eine ganz andere Bitte formulieren: „Ah, Meister Hougenoord, wie erfreulich Euch anzutreffen!“
Der Halbelf brauchte ein wenig, um den Sprecher zu erkennen. Die beiden hatten eher wenig Kontakt miteinander gehabt, auch wenn Belfour eine zu schillernde Gestalt war, um sie, sollte der Blick denn frei auf ihn sein, zu übersehen. Doch er war kein Scholar, sondern ein Experimenteur.
„Ihr müsst wissen“, fuhr Belfour fort: „dass ich nur knapp einem Angriff eines furchtbaren Wesens entkommen bin. Kreaturen der Tiefe nennen diese Art die Leuchtende, doch noch nie habe ich von ihrer Existenz gehört. Untot erschienen sie mir, wird ihnen ein ein Glied abgetrennt, so richten sie sich wieder auf, greifen nach einen und versuchen dir das Herz heraus zu reißen. Gelingt es ihnen, so wird... ein neuer Leuchtender geboren.“ Der Zwerg schauderte kurz. Ob einer Erinnerung oder ob des schrecklichen Gedankens bleibt sein Geheimnis: „Es war wahres Geschick, dass er durch einen abgetrennten Kopf zum Halt kam und ein weiteres, dass meine Amulette wirkten.“
Er blinzelte kurz: „Ich weiß, Ihr hütet die Bücher über dunkle Magie gut. Doch wenn sich diese Biester in den Höhlen unter der Stadt herumtreiben, dann kann niemand still stehen und hoffen...“ Belfour blinzelte erneut. Sein Gesicht hatte sich entschlossen verzogen. Er wusste, dass er letzten Endes den Stamm und vielleicht sogar die Rattlinge schützen würde, wenn er beide Gefahren beseitigen konnte. Sowohl die Dunkelelfen als auch die Leuchtenden – und etwas über die Feinde der Dunkelelfen zu erfahren war vielleicht ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wenigstens war es ein erster Schritt.
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#66

George A. Hougenoord

oberster Archivar
Halbelf
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Der alte Archivar blickte zerstreut von dem Magazinindex auf in dem er die letzten Minuten für die Anfragen von Meister Sarnalidas recherchiert hatte. Erst blickte er zu hoch auf und sah vor sich nur den oberen Teil eines runenverzierten Stabes. »Oh verehrter Gehölz...« Fahrig nestelte er die schweren, eingefassten Lesekristalle von seiner Nase und blickte den Stab entlang nach unten. »Ach da unten seid ihr ja. Entschuldigt, ich war gerade in Gedanken, Meister...« Der alte Archivar stockte. Dieses bärtige Gesicht hatte ich doch schon ein mal gesehen. »Fitsch, woher kenne ich...« nuschte George mit seitlich verzogen Lippen in seinen Bart. Ein kaum zu sehender Winhauch tuschelte in das Linke der angespitzten Ohren des Archivars und ließen den weißen Haarkranz darüber wie von einer lauen Brise umherwehen.

Ein etwas zähes Verstehen und Erkennen breitete sich wie eine aufgehende Sonne über das alte Gesicht aus.
»Ach ja. Meister Isenheim! Schön Euch zu sehen. Ist es schon an der Zeit, die Feuerschutzrunen wieder zu warten? Eine äusserst praktische Einrichtung. Dass man bei der Lektüre nicht auf den Pfeifengenuss verzichten muss ist eine Wohltat.«

Die gutgelaunte Stimmung des Archivars verdüsterte sich, als er den Ausführungen des Runenmeisters lauschte. »Nein, nein, nein. Was sind das nur für Zeiten. Erst dunkle Bannzauber, nun so etwas. Könnt ihr da draußen nicht einfach Euch in Feenreichen verirren und lustige Flüche abkriegen oder nach versunkenen Piratenschätzen forschen!? Muss es dieses unheilvolle Dunkle Zeug sein, mit dem ihr Euch abgibt. Ts ts ts. Wir haben damals noch nach Wundern gesucht um Nymphen zu beeindrucken oder so etwas. Leuchtende Untote... Was für eine sinnlose Verschwendung und dazu äußerst gefährlich.«

Mit weiterem Kopfschütteln schlurfte der Archivar die Regale entlang. Er murmelte leise vor sich hin und es schien, als hätte er den Zwerg hinter sich vergessen. Mit einem Mal drehte er sich ruckartig um. »Stimmt. Danach klingt es.« Mit schnellen Schritt hastete der Archivar zwei Regale weiter und lies mit nebenläufiger Geste einen alten Wälzer auf einen nahegelegenen Tisch schweben. Unsichtbare Winde durchflatterten die Seiten und öffneten ein klein geschriebenes Kapitel. »Hier ist es. Der Reisebericht von Hubertus Windläufer. Der umtriebige Halbling ist in Raan auf so etwas gestossen. Hier Moment. Der Angeber hat es sich zu eigen gemacht, seine Berichte immer in der lokalen Sprache zu verfassen. Und mein AltRaanisch sit nicht so flüssig. Ich hege ja den Verdacht, das dieser großspurige Wicht garnicht schreiben konnte und es immer jemanden diktiert hat... Wo war ich?« George blickte ein paar Momente hilfesuchend zu dem Zwergen. »Ach ja. Die Münzen des Kresh’War....« Mit einer ausholenden Geste verteilte er blau leuchtendes Pulver über die Seiten, worauf sich die groben altranischen Lettern in die geschmeidigere araanische Hochschrift formten. »Schon besser... also

...der alte Schamane blickte mir fest in die Augen. Aber dort vermochte er nur meine stählerne Entschlossenheit auszumachen, nicht die unschlüssige Ängstlichkeit, die er sonst bei seinen sterblichen Zeitgenossen erwartet hatte.

Bei den Sieben. Was für ein Aufschneider.... Bla, Bla, bla... aber hier geht es weiter.

Es waren insgesamt ein Dutzend seltsamer Münzen in achteckiger Form. Geprägt in alten Symbolen und geschmiedet jeweils derer vier in cuprumischen, argentischem und aurorem Erz. Sie lagen an ausgewiesenem Platz auf dem kompliziertem Muster, das der alte Schamane mit dem Wolfesblut in den Staub des Siedelplatzes verzeichnet hatte. Das erlegte Tier lag scheinbar achtlos hingeworfen in der Mitte, des eigentümlichen, bizarren Kunstwerkes. Gelangweilt verfolgte ich die guturalen Beschwörungsriten des alten Mannes. Derlei Mummenschanz mag die einfachen Geister der Wilden dieses Stammes zu beeindrucken. An einem hohen Verstand wie dem meinigen... jaja, ich weiss«

Hougenoord überflog die nächsten Zeilen.

«... Mit einem mal umwölkte ein krankes grünliches Leuchten den Kadaver, das Eitergleich das verzottelte Fell entlangkroch und schäbigen Maden gleich nach Öffnungen suchte, in die es sein gieriges Maul versenken könnte.

Tja, alter Wichtigtuer, da wird Dir schon anders was? so wie geht es weiter...

Wieder und wieder trat ein weiterer wackerer Jüngling des Stammes hervor und versuchte sich mit dem Wolf und den bisherigen Unterlegenen zu messen. Aber jeder weitere hoffnungsvolle Kämpfer unterlag den von innen leuchtenden Kadavern und wurde Opfer des unheilvollen Plasmas das sich dem fallenden ermächtigte. Es ging hier immer weniger um Ehre und Ruhm. Die letzen Krieger des Dutzends mussten unter Androhung der Auslöschung ihrer Familie in den Kreis getrieben werden. Und auch von denen entschieden sich ein paar für die gnadenreiche Erlösung ihres ganzen Heschlechtes.

Als nun schlussendlich das volle Dutzend leuchtender Leichname das Diagramm erfüllte, öffnete der Schamane nur wortlos das Diagramm und deutete auf die Heerscharen der Feinde. Die übrig geblieben Mitglieder seines Stammes hatten schon längst das Weite gesucht. Nur ein abgebrühte, geistig gefestigter Verstand wie der Meine, vermochte den weg drängenden Beinen befahlen zu verharren. Aber auch ich muss gestehen, und für diesen Gedanke schäme ich mich nicht im geringsten, dass ich das Ende der Orkhorden nur mit tiefem Erbarmen beobachten konnte.

und so weiter und so weiter.«

Hougenoord schaute den Zwerg über seine Lesekristalle an. »Nunja. Die Münzen des Kresh’War sind eigentlich nur eine raanische Lengende und sollen dort auch seit langem verschollen und verstreut sein. Aber alles in allem ist das ganz üble Nekromantie. Nicht so ein derber Scherz wie ein Skelett sich aus dem Grab erheben und etwas rumstolpern zu lassen. Richtig üble Nekromantie. Jeder mit Verstand würde da die Finger von lassen...«

Der alte Archivar grübelte eine Weile mit tief zerfurchter Stirn. Dann drehte er sich aber ruckartig zu einem anderen Regal. »Aber dann gibt es noch diese besondere Art von Schleimpilzen, die im Dunklen grünlich schimmern und nur schwer wieder aus der Kleidung gehen. Mal sehen, ob das sich eher mit Eurem Beobachtungen deckt.«
Es wirkte mehr wie ein Strohhalm an dem sich der alte Archivar klammern wollte.
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#67

Meister Belfour Isenheim

Runenkünstler
Zwerg
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Mit einer freundlichen Toleranz überging Belfour die Bemerkung über seine Größe. Dafür war seine Gedankenwelt zu sehr von dem Schrecken des letzten Tages heimgesucht und sein Augenmerk viel mehr auf Informationsgewinnung gelegt. So war es auch nicht verwunderlich, dass er in seiner rüden Art fast schon den anderen Zwergen nahekam. Ein nur kurzes Nicken zu seinem Namen, ein lächelndes Anerkennen des Lobes, während er im inneren Auge fest die Rune vor sich sah, die er mit einigem Tamtam damals in die vier Ecken der Bibliothek gemeißelt hatte. Er hatte es schwer aussehen gelassen und so getan, als würde es ihn einiges an Mühe kosten. Dabei hatte er nicht viel mehr gemacht als eine Rune für Papier mit der eines Feuers zu verbinden – und dann irgendwie wieder zu trennen. Was genau dabei passiert war, konnte er nicht sagen. Jedenfalls war es sich sicher, dass es dem Papier unmöglich wurde, innerhalb dieser vier Wände zu brennen.

Der Zwerg sammelte wieder seine Gedanken und blickte den alten Archivar fast ungläubig an. So wie sein Mund überquoll von Worten, die einem alten, aber senilen Greis durchaus zuzuschreiben waren, brauchte Belfour ein wenig um zu verstehen, dass nicht jeder gerade ein paar Stunden zuvor um sein Leben gerungen hatte. Von einem anderen Standpunkt aus betrachtet mochte der Halbmensch tatsächlich Recht mit seiner Lehre haben: „Wenn wir den Magier gefunden haben, der seine Zeit nicht mit lustigem Schabernack vertreibt, dann können wir uns auch dem sinnlosen Zeitvertreib widmen“, gab er nun doch eher gezwungen von sich. Meister Hougenoord war ein Mann vieler Worte und in diesem dem Zwergen nicht ganz unähnlich. Dennoch konnte Belfour die innere Unruhe kaum dämpfen und so schien es ihm fast so, als wäre der Archivar ein Übel auf dem Weg zu einer gelungenen Recherche.

Einer sehr einfachen Recherche, stellte sich dann heraus. Der Meister wusste anscheinend genau, wo er ein gewissen Wälzer finden würde und als das Buch sich vor ihnen öffnete war Belfour dankbar für seine Jahrzehnte lange Erfahrung im Magierturm. Er war so sehr an Runen, seine Arbeit und seine Kunden gewöhnt, dass er die anderen Spielarten der Magie schon fast vergessen konnte. Seine kurze Abneigung dem Archivar gegenüber war sofort verflogen, als dieser das Kapitel vorlas. Jeder Zwerg mochte Gold und Belfour wusste, wenn er echtem Gold gegenüber stand. Und in diesem Fall war es Gold in Worten.

Belfours Kopf wipte mit jedem Wort, sein Gehirn arbeitete fieberhaft, um das Gesagte irgendwie zu speichern und zu archivieren. Seine Erinnerungen schienen ihn wie ein schlechter Albtraum zu jagen, auch wenn er selbst nur einen sehr kurzen Moment einem der Leuchtenden gegenüber stand.
„Nein“, sagte er düster: „das ist genau das, wonach ich suche.“
Betreten ließ er den Kopf hängen. Die Vorstellung eines Nekromanten ließ ihn erschaudern. Er war fest davon ausgegangen, dass alle sich insgesamt einig waren, dass niemand mit dem Totenreich spielen sollte. Niemals.
„Im alten Raan?“, fragte Belfour nach: „Wie alt ist die Aufzeichnung etwa? Und gibt es ähnliche Texte aus neueren Zeiten?“
Sein Stab pochte kurz auf dem Boden, als er sich erneut aufrichtete und fieberhaft nachdachte: „Der Schamane konnte die Opfer dirigieren, nicht wahr? Er wurde nicht angegriffen? Der Nekromant kann also bei seinen...“ Er schluckte fast, weil ihm die Galle kurz hochkam, dann schüttelte er den Kopf: „Der Nekromant ist sicher vor ihren Angriffen. Er muss also nicht fliehen.“
Wenn das stimmte, dann waren die Dunkelelfen nicht im selben Boot mit den Leuchtenden. Dann gab es tatsächlich vier Parteien in der Unterwelt: Die Dunkelelfen, die Rattlinge, die Leuchtenden beziehungsweise der Schamane und sein Zwergenclan. Und keiner der vier mochte einen der anderen drei.
„Das war hilfreich, ein Anfang“, sagte Belfour düster: „Es gibt noch viel zu lesen und herauszufinden. Ihr müsst wissen, die letzten Tage waren bedeutungsvoll ereignisreich und einen weiteren Kampf um mein Leben würde ich gerne besser ausgestattet antreten. Wer seinen Feind nicht kennt erschlägt viel zu schnell einen Kameraden.“
Der Zwerg zögerte erneut. Er hatte fast das Gefühl ein wenig verdächtig zu erscheinen, wenn er die Nase in zu düstere Angelegenheiten steckte. Es gab zwar genügend komische Köpfe in der Magiergilde, aber er hatte sich nie damit beschäftigt, woher genau diese ihr Wissen bekamen.
„Wären Dunkelelfen zu so etwas Scheußlichem fähig? Der Schamane, war es ein Mensch? Oder ein Humanoid? Vielleicht ein Katzenwesen..“ oder ein Rattling? Ein Abtrünniger, der möglicherweise so jeden anderen dort ausmerzen wollte?

„Meister Hougenoord, Geschichte ist wahrlich keines meiner Meisterfächer. Doch, soweit ich weiß, die Dunkelelfen haben mit Raan nicht allzuviel zu tun? Ist die Erschaffung der Leuchtenden ein einmaliges Ereignis in der Historie oder ist es so normal wie ein Regenzauber?“
Wenn es selten wäre, so würde es wieder auf die Dunkelelfen zeigen. Und wenn es nicht selten wäre, so wären wieder alle Möglichkeiten offen. Ach, Belfour zwirbelte seinen kurzen Bart, die Lage war doch ganz schön verworren und er hatte keine weitere Hilfe als alte Bücher.
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#68

George A. Hougenoord

oberster Archivar
Halbelf
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»Wie alt? Puh….« der alte Archivar stöhnte. »Schwer zu sagen.« George legte seinen Lesekristall, den er bisher vor die Augen gehalten hatte auf die aufgeschlagenen Seiten. Mit einem nachlässigen Wischen seiner Hand fuhr ein Windstoß über den Folienten und blätterte dessen Seite zu den ersten Einträgen. »Also dass hier ist eine Abschrift von Magister Naverius aus dem Jahr 1475 anno Rex Fenatius…, sprich...« der alte Archivar zog die Stirn kraus und grübelte. »Fenatius… Nathilions Fall… zwei im Sinn… Also ungefähr 630 Jahre her, Hubertus Windläufer selbst muss also ungefähr vor 850 Jahren über die Welt gewandelt sein. Wenn Ihr es genauer wissen wollt, muss ich ein paar Querdatierungen vornehmen. Dazu bräuchte ich allerdings… « George grübelte und blickte sich hilfesuchend in der Bibliothek um, bevor sein Blick wieder auf den Zwergen fiel. »Ah Meister … achja, Isenheim. Wo war ich? Was wollte Ihr noch einmal?«

»Das ist eines der wenigen halbwegs seriösen Werke in denen die Münzen des Kresh’War erwähnt werden. Dazu gibt es Sagen, Märchen und Heldenepen aus dem raan‘schen Kulturkreis und neueren Datums, die aber allesamt der schöngeistigen Belletristik zuzuordnen sind. Kurzweilig, aber leider hauptsächlich phantastische Werke, die sich hauptsächlich dem mündlich überlieferten Grusel aufgreifen und weiterspinnen. Damit dürfte auch beantwortet sein, dass diese Hervorrufung -den Göttern sei Dank - nur ein gräuliches Unikum alter Zeiten ist.« Der alte Archivar schaute sich um, beugte sich dann vor und flüsterte: »Der verrückte Arm‘Sall‘Nidad soll in seinem wirren Werk ‚dunakul damin‘ ebenfalls eine Abhandlung über diese Münzen eingefügt haben. Dessen Bücher gelten allerdings als verschollen. Was auch gut ist. Jeder der mit dessen wirren und verfluchten Geschreibsel in Berührung gekommen ist, soll dem Wahnsinn anheim gefallen sein.«
George richtete sich auf und strich verlegen seine Robe glatt. »Regenzauber, ah das ist endlich mal ein nützliches Gewerk. Ich habe da einige verständliche, aber nicht desto trotz tiefgehende Werke, die sich dieses Themas annehmen. Ich nehme das immer gern mit den Lehrlingen im Sekundarbereich durch. Da gibt es einige interessante Anwendungen und Variationen, die durchaus...« George blickte in das entnervt wirkende Gesicht des Zwergen und verstummte. »Nunja, das können wir uns ja für später aufheben.«
George schnippte mit den Fingern und hielt eine Tasse dampfenden Tees in der Hand, an der er genüsslich nippte. »Wollt ihr auch einen? Die Ingwernote habe ich letztens, wie ich unbescheiden bemerken muss, durchaus wohlschmeckend angeeignet. Probiert einmal.« Mit einem weiteren Schnippen erschien auf dem Tisch vor Belfour eine weitere dampfende Tasse und ein kleines Schälchen Nusskekse.

»Euren Schlussfolgerungen möchte ich noch ergänzen, dass ein großer Bereich der nekromantischen und dämonischen Künste darin besteht, sich davor zu schützen, was man da in diese Welt ruft. Kräftige Schutzformeln sind das Anfangsrüstzeug des angehenden Beschwörers. Es gilt den kurzen Moment zwischen Hervorrufung und Etablierung der Kontrolle zu überleben.« George räusperte sich. »Also, das hab ich mal so gehört, meine ich. Ähem… «

»Einem Wissbegierigen helfe ich doch immer gern. Ach wenn die heutige Jugend doch nur mehr davon mitbringen würde als die kurzweilige Drang nach Zerstreuung und Genuss. Und für Euren Kampf habt ihr recht. ‚Kenne den Feind und Du hast die Schlacht schon zur Hälfte gewonnen‘, eine alte Weisheit die an jeder Kaserne gelehrt wird und auch für unser Metier zu bedenken ist.«

»Dunkelelfen, Meister Isenheim. Lasst Euch raten, bleibt lieber bei den Runen.« Er musterte den Zwergen warnend. »Nunja, vielleicht habt ihr recht. In Euren Stollen habt ihr sicher des öfteren mit dieser Brut zu tun. Da gilt es vorbereitet zu sein. Die Raanschen Gebirge sind eher von Euresgleichen bewohnt. Die spitzohrigen Dunklen haben sich hauptsächlich derzeit in Nathilion niedergelassen. Ihre Wanderung über die Welten sollen eher von Süden her gekommen sein, aber da weiß man auch wenig darüber. Es ist schwer ihre Lügen und Intrigen und die Wahrheit auseinander zu halten. Es wird nicht erwähnt, aber es gilt anzunehmen, dass der Abenteurer Windläufer einem menschlichen Stamm begleitet hat. Das altraanische ist eine menschliche Zunge. Katzenwesen sind auch eher in den südlichen Gefilden beheimatet und Rattlinge - bei den Sieben - wie kommt ihr denn nur auf die? Furchtbares Gesindel. Ich weiß noch, wie wir in den Sümpfen von Hesch‘Maar gegen dieses Geschmeiß gekämpft hatten. Ein fürchterlicher Ausbruch der roten Pest und wir hatten alle Hände voll zu tun, die dreckigen Nester zu finden und auszuräuchern. Buähh« Angewidert schüttelte sich der Archivar und nahm zur Beruhigung einen langen Schluck Tee. »Nein, dieses Kropzeuch ist in Sümpfen und neuerdings leider auch in Hafenstädten anzutreffen. Möge unser schönes Aron davon verschont bleiben. Aber was wolltet ihr nochmal wissen?« George strich sich über den Bart, bevor er den Faden wiederfand.

»Ach ja Dunkelelfen und Nekromantie. Nun denkbar, aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass sich die Dunklen mit so etwas wie den Münzen des Kresh’War abgeben würden. Sicher sind sie durchweg grausam, aber neigen weniger zu Wahnsinn. Soweit ich das überblicke, bevorzugen sie schnelle, brutale oder hinterhältige Magie und derartige Beschwörungen brauchen Zeit, Hingabe und persönliche Opfer. Mag sein, dass ihre Priesterinnen derartiges versuchen, oder von Zandur dazu angetrieben werden. Aber alles in allem, denke ich, das sowas wie dieser antike Fluch nicht effizient genug ist für ihren perversen Geschmack.«
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